Buchbesprechung/Rezension:

Oliver Pötzsch: Das Buch des Totengräbers
Ein Fall für Leopold von Hertzfeld


verfasst am 05.06.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Pötzsch, Oliver
LiteraturBlog Bewertung:

Wien im Jahr 1893: während in London noch immer nach „Jack the Ripper“ gesucht wird, scheint auch in der Hauptstadt der Donaumonarchie ein Serienmörder junge Frauen ins Visier genommen zu haben.

Wenn auch Technik und Vorgangsweise der Polizei sich seit damals gewandelt haben mögen, eines hat sich nicht geändert: wenn es altgediente Kollegen mit neuen Ideen der nächsten Generation zu tun bekommen ist zunächst einmal Widerstand angesagt: „das haben wir immer so gemacht“, oder auch „das haben wir nie so gemacht“ ist oft zu hören. Dem jungen Inspektor Leopold von Herzfeld, der gerade aus Graz nach Wien versetzt wurde, ergeht es nicht anders. Man befindet sich mitten im Zeitalter der Neuerungen und der Weichenstellungen für die Zukunft und das bringt auch neue Ideen und neue Methoden für die Polizeiarbeit. Als Herzfeldt mit seiner Ausrüstung am Tatort eintrifft, Fotos machen möchte, höchsten Wert auf die Sicherung der Spuren legt, da eckt er sofort mit den beiden älteren Kollegen an, die schon vor ihm eingetroffen sind.

Doch die Umstände, unter denen die junge Frau umgekommen ist, deren Leiche im Prater gefunden wurde, verlangen nach genau solchen neuen Methoden. Alles weist auf einen Mord hin, der nach einem grausamen Ritual begangen wurde.

Doch zuerst einmal wird Herzfeldt von seinem Vorgesetzten auf einen anderen Fall angesetzt, einen, der ihn ins Umfeld der Wiener Prominenz führt. Die Leiche von Johann Strauss‘ (imaginärem) Bruder Bernhard sollte aus dem Grab am Zentralfriedhof gestohlen werden. Nur im letzten Moment konnte diese frevelhafte Tat vereitelt werden. Verhindert hat das der Totengräber Augustin Rothmeyer, der den Inspektor an das nun leere Grab führt. Leer deshalb, weil der Sarg zu Bruch ging; wäre das nicht passiert, hätte niemand entdeckt, dass Strauss noch gelebt haben muss, als er beerdigt worden war – die Kratzspuren beweisen es.

Als ein zweiter Mord an einer jungen Frau geschieht, bei dem der Täter ganz ähnlich wie beim ersten Mord vorging, wird Herzfeldt wieder zur Ermittlung hinzugezogen. Eine Ermittlung, bei der sich seine Bekanntschaft mit dem Totengräber, der sich als hervorragender Beobachter entpuppt, als ausgesprochen hilfreich erweisen wird.

Ein Roman, der vom Glanz der Ringstraße in die dunklen Ecken der Vorstädte führt

Wien war um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Stadt der Gegensätze. Genau das versucht Oliver Pötzsch in seinem Roman nachzuzeichnen, wenn Inspektor Herzfeldt in eleganten Palais‘ und in obskuren Lokalen ermittelt. Das Milieu, in das er dabei hineinstößt ist eine Mischung aus Dekadenz und Aberglauben, aus  Okkultismus und Missbrauch.

Über ein paar lose Verbindungen des Geschehens zu historischen Persönlichkeiten ist zwar auch zu lesen, doch im Grunde dienen diese nur dazu, die Handlung besser im Jahr 1893 zu verankern.

Der weitaus konkretere Bezug zum Jahr 1893 ergibt sich aus einer oft sehr dichten und überzeugenden Beschreibung der Lebensumstände der Bewohner der Stadt und der detaillierten Beschreibung der Arbeit der Polizei. Es ist für die Ermittlungsbehörden eine Zeit des Umbruches, vieles wird gerade neu entwickelt, vieles wird ausprobiert. Die Fotografie, Verbrecherkarteien, die Kommunikation über Telefon, die Spurensicherung: was heute normaler (Polizei-)Alltag ist, steckte damals noch in den Kinderschuhen, manches davon wird noch skeptisch betrachtet oder zunächst als überflüssig betrachtet.

Es gelingt dem Roman wirklich gut, den Zeitgeist und die Atmosphäre aufleben zu lassen. Dann versteht man auch als Nicht-WienerIn diesen alten Satz, dass „Der Tod ein Wiener sein muss“. Natürlich trägt dazu auch bei, dass der Zentralfriedhof einer der Schauplätze des Geschehens ist, einst der größte Friedhof Europas.

Etwas eingeschränkter begeistert bin ich von der eigentlichen Krimihandlung. Die stolpert für meinen Geschmack hin und wieder zu zufällig von einem Ereignis zum nächsten. Und es lässt sich schon recht früh zumindest ein Teil der Lösung erahnen – dabei ich bin mir nicht sicher, ob der Autor vielleicht ungewollt ein wenig zu viel verraten hat.

Insgesamt ein sehr unterhaltsamer und packender Roman, der zugleich wohl auch der Auftakt zu einer neuen Buchreihe rund um Herzfeldt und Rothmeyer ist.




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