Buchbesprechung/Rezension:

Rainer Metzger: Willkommen in Wien
So haben Marc Aurel und Maria Theresia Paradis, Yoko Ono, Thomas Bernhard und viele weitere die Stadt erlebt


verfasst am 07.03.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Metzger, Rainer
LiteraturBlog Bewertung:

Wien: Eine Stadt, viele Meinungen. Die Meinungen über die Hauptstadt Österreichs spannen einen weiten Bogen von Bewunderung bis zu Ablehnung, manche sehen Wien als Schmuckstück andere als Moloch. Diese Bandbreite wird besonders offensichtlich, wenn Wien von den BesucherInnen wieder einmal als lebenswerteste Stadt der Welt gekürt wird, während einige der Einwohner – wenn auch meist einer ganz bestimmten Geisteshaltung zugetan – über zu viel Multikulti schimpfen.

Aber ja, nun: man kann es eben nicht allen recht machen. Für jene, die sich für die Vielfalt interessieren, gibt es jetzt ein Buch, das sich mit den Bewohnern und Besuchern über die Jahrhunderte hinweg befasst. Von Marc Aurel bis Abraham a Sancta Clara, von Meister Pilgram bis Carol Reed, von Walther von der Vogelweide bis John Lennon; von Römern, Babenbergern und Habsburgern, von der Monarchie zur Republik. In ihrer mehrtausendjährigen Geschichte hat die Stadt schon vieles gesehen und so wird es auch zukünftig bleiben: Die vielen Gesichter Wiens bieten ein vielfältiges Bild, jede/jeder kann hier, ganz nach den eigenen Vorlieben, etwas entdecken und erleben. Wenn man von Wien spricht, dann darf man aber nicht nur das operettenhafte Bild sehen, man muss auch immer über die Abgründe sprechen: Rassismus und Antisemitismus sind hier ebenso heimisch wie Humanismus und Weltoffenheit.

25 kurze Geschichten lassen Wien auf- und erleben. Das ergibt in Summe eine bunte Collage an Erlebnissen und Anekdoten. Jene, die Wien noch nicht besucht haben, werden beim Lesen einen Einblick in das Wesen der Stadt bekommen.

Neben den allseits bekannten Persönlichkeiten holt Rainer Metzker auch solche vor dem Vorhang, die zwar eine Rolle in der Geschichte der Stadt (und über die Grenzen hinaus) spielten, außerhalb von Historikerkreisen aber weitgehend in Vergessenheit gerieten, darunter: Jacob Hoefnagel (1575-1630), der detailreiche Wien-Ansichten malte; die Malerin Rosalba Carriera (1673-1758), die mit den von ihr geschaffenen Porträts großartige, lebensnahe Bilder schuf; Eduard Fischer, der 1852-1854 ein Modell von Wien mit der alten Stadtmauer baute, das noch heute im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen ist; Emil Kläger, der Chronist der Armut und Obdachlosigkeit am Beginn des 20. Jahrhunderts. Ganz unterschiedlich ist, welche Spuren die im Buch Beschriebenen hinterließen, gemeinsam haben sie, dass etwas von ihnen oder über sie in Wien blieb.

Was auffällt ist, dass viele der Namen, die für ihr Wirken in und für Wien stehen zu Menschen gehören, die es erst im Laufe ihres Lebens nach Wien zog. Das ist sicher auch ein Symbol für eine Eigenschaft, die Wien erst zu dem machte, was die Stadt heute darstellt: einen Schmelztiegel ganz unterschiedlicher kultureller Einflüsse. Oder anders gesagt: Man verstand es in Wien immer, aus „Zugereisten“ „Wiener“ zu machen.

Als „ehemaliger“ Wiener verfolge ich auch nach vielen Jahren noch mit viel Interesse, wie sich die Stadt entwickelt, lasse mir aus erster Hand von Freunden erzählen, was es dort Neues gibt.

Deshalb finde ich dieses Buch zugleich so unterhaltsam wie informativ: weil es nämlich für BewohnerInnen (ehemalige und gegenwärtige) wie auch für BesucherInnen ganz sicher etwas enthält, was man noch nicht wusste. Rainer Metzker, selbst Kunsthistoriker, fungiert bei den kurzen Geschichten wahlweise als Erzähler, Fremdenführer, Kunstexperte, Chronist, Kritiker. Wenn ein bestimmter Name als Titel über einem Kapitel steht, dann bleibt es nicht dabei, über diese eine Person zu lesen, sondern man liest auch viel über deren Einflüsse und Zeitgenossen, was eben zum Verständnis der Zeit und der Vorgänge erforderlich ist; und immer wieder dazu spannende, amüsante und nachdenklich machende  Ereignisse aus der jeweiligen Zeit.

PS: es wird wirklich wieder einmal Zeit im Frühling für ein paar Tage nach Wien zu fahren und die Stadt zu Fuß zu erkunden…




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