Lone Theils: Falsche Gesichter
Ein Fall für Journalistin Nora Sand (4)

verfasst am 16.02.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Theils, Lone
LiteraturBlog Bewertung:

Anfang des Jahres 2021 scheint alles vom dominierenden Thema „Covid-Pandemie“ überdeckt zu werden. Lohne Theils‘ Thriller aus dem Jahr 2019, der nun auch in der deutschen Übersetzung erscheint, ist darum auch ein Stück Erinnerung an die Themen, die gegenwärtig nur in den Hintergrund gerückt, aber nicht verschwunden sind.

Die Aufnahmen vom Mord an einem Polizisten in der (fiktiven) Stadt Toppingham in der Mitte Englands werden ganz im Stil der IS-Terroristen im Netz mit einem Video verbreitet. Ein maskierter Mann hält den abgetrennten Kopf des Mannes in die Kamera, ein Bild wie aus den schlimmsten Tagen des islamistischen Terrors.

Die Journalistin Nora Sand, gegenwärtig arbeitet sie für eine dänische Zeitung, wird nach Toppingham geschickt, weil sie die beste und erfahrenste ist, um nach den Hintergründen der Tat zu forschen.

Dem Mordvideo folgen prompt die üblichen Reaktionen in den Medien, allen voran die Boulevard-Zeitungen stürzen sich auf das sensationelle Thema. Doch es passt so gar nichts in das Schema, nach dem die Terroristen ansonsten vorgehen. Überdies stellt sich rasch heraus, dass es sich bei dem Ermordeten um einen korrupten Polizisten handelte, es könnten sich viele Opfer seiner Erpressungen und Übergriffe finden, die ein Motiv für den Mord haben. Ein zweiter Mord, ähnlich inszeniert wie der erste, lässt Nora Sand und Scotland Yard gleichermaßen an endgültig der Terror-Theorie zweifeln.

Ein zweites Thema für eine Reportage scheint sich für Nora Sand zu eröffnen, als sie die junge Laura kennenlernt, die als Waise in einem Heim wohnt. Lara hat Schwierigkeiten und eine davon scheint ein Mann zu sein, vor dem sie – und einige andere gleichaltrige Mädchen – Angst hat.

Bald stellt sich heraus, warum die Autorin eine fiktive Stadt als Schauplatz für ihren Roman gewählt hat. Denn Toppingham ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung: Wer in dieser Stadt auf die Hilfe der Polizei angewiesen hat, kann sehr wahrscheinlich an einen Gesetzesvertreter geraten, der nichts unternehmen wird, ja sich sogar ganz offen weigert, einzuschreiten. Vor allem dann, wenn es um junge Mädchen und Frauen geht. Keine real existierende Stadt hätte Freude daran, so dargestellt zu werden.

Wer einen Thriller erwartete,
wird einen Thriller bekommen

Im ersten Drittel des Romanes passiert zwar schon eine ganze Menge, aber so richtig kommt die Story noch nicht in Schwung. Das ändert sich dann aber sehr zügig.

Eine sehr geradlinig erzählte Geschichte: Die Autorin verzichtet auf Seiten-, Vor- und Rückblicke und macht es damit sehr leicht, dem Geschehen zu folgen. Eines nach dem anderen wird abgearbeitet – ein Hinweis, eine Recherche, eine Spur. So lenkt nichts von der Spannung ab, die sich langsam und immer weiter aufbaut. Lone Theils beschreibt einzelne Szenen so, dass man meint, selbst dabei zu sein – das ist oft wirklich richtiges Kino im Kopf!

Die Theorie vom islamistischen Terror erweist sich bald als eine falsche Spur. Dafür rücken die Mädchen und jungen Frauen, die immer wieder verschwinden, später auftauchen, aber hartnäckig über das Erlebte schweigen, ins Zentrum von Nora Sands Recherchen.

Das Lesen der „letzten“ 300 Seiten geht jetzt schneller voran als das der ersten 150 Seiten; man wird das Buch kaum zur Seite legen können, so rasant  und immer schneller läuft alles dem Finale zu. Dabei habe ich nie das Gefühl, das es nicht genau so auch in der wirklichen Welt ablaufen könnte …

Wer einen Thriller lesen möchte, der alles hat, was man sich davon wünscht, ist mit „Falsche Gesichter“ wirklich bestens versorgt.




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