Leo Perutz: Der Judas des Leonardo

verfasst am 03.07.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Historischer Roman, Perutz, Leo

Gehen wir in der Zeit zurück ins Mailand am Ende des 15. Jahrhunderts: in die Welt von Leonardo da Vinci, der gerade zu dieser Zeit im Auftrag des Herzogs von Mailand am berühmt gewordenen Gemälde „Das Abendmahl“ arbeitet. Die Arbeit jedoch verzögert sich immer wieder, denn der Meister malt weniger, als dass er darüber nachdenkt, wie er dieses oder jenes Element des riesigen Gemäldes erschaffen soll. So verbringt er an manchen Tagen viele Stunden vor dem Gemälde, ohne den Pinsel auch nur in die Hand zu nehmen, einfach in Gedanken und Überlegungen versunken.

Ein Umstand, der seine Auftraggeber zunehmen ungeduldig werden lässt, denn wie soll auch ein Außenstehender die Gedanken des Genies verstehen.

Da Vinci ringt mit sich bislang vor allem um der Darstellung des Judas, für dessen Erscheinungsbild und Charakterzüge er noch keine passende Vorlage gefunden hat.

Zu dieser Zeit gelangt der böhmische Kaufmann Joachim Behaim nach Mailand. Dem Herzog möchte er edle Pferde verkaufen, noch viel mehr aber zog ihn eine alte Schuld in die Stadt; eine Schuld, die er nun endlich eintreiben möchte. Behaims Vater hatte einst einem Mann namens Boccetta, dem übelsten Wucherer der Stadt, Geld geliehen, das dieser niemals zurück zahlte. Behaim ist fest entschlossen, unter allen Umstände diese ihm zustehenden 17 Dukaten zu bekommen.

Doch alle, die er in Mailand kennenlernt, warnen ihn vor dem Wucherer, bisher hätte noch nie jemand etwas von dem stadtbekannten Betrüger zurück erhalten.

Über den geheimnisvollen Sänger Bänkelsänger Mancino lernt Behaim die schöne Niccola kennen und es ergibt sich eine Affäre, die für die beiden bald mehr als nur einfache Liebelei bedeutet. So lange, bis Behaim erfährt, wer Niccola in Wahrheit ist: die Tochter des Betrügers Boccetta.

Am Ende steht kalte Berechnung, es steht der Tod eines Mannes, der die Ehre seiner heimliche Liebe retten möchte und es steht ein Mann, von dem man nicht sicher ist, ob er ein kaltes Herz hat, oder ob er vielleicht doch richtig handelte. Und es steht die Abwägung, was denn verwerflicher ist: böse zu sein und dieses auch nicht zu verheimlichen oder mit Hinterlist das Vertrauen eines Menschen zu mißbrauchen.

Leonardo da Vinci ist zwar nur der Nebendarsteller dieses Romanes, aber ohne ihn gäbe es kein Fundament für diesen Roman. Denn erst die Arbeit am Gemälde erfordert es, ein Gesicht für den Judas zu finden.

Leo Perutz bedient sich in diesem historischen Roman einer Sprache wie man sie wohl eher in einem Werk der Renaissance als in einem aus der Mitte des 20. Jahunderts erwarten würde. Er findet damit den genau passenden Ton, um uns die Umgangsformen, das Miteinander und die Gespräche der Menschen zu dieser vergangenen Zeit nahe zu bringen. Wie sie in für uns oft befremdlicher Form grob miteinander umgehen; wie sie vieles so ernst und so persönlich nehmen, was wir heute leicht als Ironie oder Spaß erkennen würden; wie sie Dinge wichtig nehmen, die für uns heute nur unbdeutende Nebensächlichkeiten wären.

Ein Roman darüber, wie ein kleiner Teil eines großen Werkes entstanden sein könnte. Er versucht eine Erklärung dafür zu finden, wie das Jahrtausendgenie Leonardo da Vinci die Welt, in der er lebte, in seinen Werken verewigte; und er erzählt eine Geschichte, wie da Vinci endlich die Vorlage für seinen Judas hätte finden können.

Wen also mag die Figur des Judas in dem Gemälde darstellen?
Gabe es einen realen Menschen als Vorlage?
Spannende Frage!
de.wikipedia.org

PS: Leo Perutz benötigte 20 Jahre, von 1937 bis 1957, um diesen Roman fertig zu stellen. Erst wenige Wochen vor seinem Tod stellte er „Der Judas des Leonardo“ fertig. Diese veröffentlichte Ausgabe wurde somit von jemand anders als dem Autor selbst frei gegeben und abschnittweise von Alexander Lernet-Holenia vorab gelesen.



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