Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken

verfasst am 09.10.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bradbury, Ray, Science Fiction

Die Mars-Chroniken bestehen aus ursprünglich einzelnen Erzählungen, die in den Jahren 1946 – 1950 entstanden. Erst der Verleger Walter Bradbury überzeugte Ray Bradbury (die beiden sind nicht verwandt), alles zu einem Gesamtwerk zusammenzufassen; der Mann lag damit völlig richtig!

Die Mars-Chroniken sind in den 2030er-Jahren angesiedelt. Aus der Sicht des Jahres 1950 ein weiter Blick in die Zukunft. Bradbury wird sich wohl nicht gedacht haben, dass es auch im Jahr 2020 noch immer Utopie ist, sich den Mars als Lebensraum vorzustellen (wenn auch nicht mehr so ganz so utopisch wie damals) – aber jedenfalls waren unsere Roboter schon dort und Marsianer haben wir dabei leider nicht gefunden.

Der Planet heißt in der Sprache seiner Bewohner Tyrr. Die Bewohner werden von den Besuchern Marsianer genannt, Bewohner des vierten Planeten der Sonne. Es sind die Menschen von der Erde, die auf Tyrr landen und dort auf Wesen treffen, die einerseits ihnen selbst so ähnlich sind, andererseits sich aber vor allem in einem Punkt unterscheiden: sie sprechen nicht, sie denken.

Die erste Mission scheitert völlig. Ein eifersüchtiger, ich bleibe der Einfachheit halber bei dieser Bezeichnung, Marsianer erschießt die beiden Raumfahrer. Die zweite Mission scheitert ebenso, diesmal am scheinbar absoluten Desinteresse der Marsianer, sich mit den Wesen, die von sich behaupten von einem anderen Planeten zu kommen, zu beschäftigen. Aber so sind die Menschen: sie geben nicht auf und starten eine weitere Mission. Diesmal wehren sich die Marsianer gegen die ungebetenen Besucher mit den subtilen Mitteln des Geistes und wieder verschwindet eine ganze Raumschiffsbesatzung auf Nimmerwiedersehen.

Spätestens jetzt wird man sich zu fragen beginnen wie es wohl wäre, wenn Außerirdische bei uns landen würden (ganz abgesehen davon, dass die sich wohl mit Grauen abwenden und abreisen würden, sobald sie sich etwas mit dem Wesen der Menschheit beschäftigt hätten). Würden wir sie willkommen heißen? Würden wir sie aus „guter Tradition“ wie alles Fremde bekämpfen? Wären wir ihnen in unserer Rückständigkeit ausgeliefert?

Ein mögliches Szenario beschreibt Ray Bradbury: darin erleiden die Marsianer ein ganz ähnliches Schicksal wie die Ureinwohner Amerikas, die gegen die eingeschleppten Krankheiten der Europäer keine Abwehr hatten und zu hunderttausenden starben. Auf dem Mars sind es die Windpocken, die als Hinterlassenschaft der Besatzungen der ersten drei Missionen am Ende das Schicksal der Marsianer besiegeln.

Die vierte Mission findet ausgestorbene Städte und tausende Tote vor. Die zwanzigköpfige Besatzung des Raumschiffes von der Erde spiegelt die Bandbreite der Charaktere der Menschheit wider und schon diese ersten Menschen, die auf dem neuen Planeten Fuß fassen können, lassen die Zwietracht und das gegenseitige Unverständnis, die die Menschen auf der Erde prägen, auf dem Mars aufleben. Bilder von grölenden Touristenmassen auf Mallorca oder einer ähnlichen Destination entstehen, Busladungen voller Pauschaltouristen, die durch antike Stätten geschleust werden und nur ihren Müll hinterlassen; so ähnlich mag man sich diese Raumschiffsbesatzung vorstellen.

Es geht weiter, wie es auch auf der Erde immer wieder geschah: zuerst kommen wenige, dann immer mehr und eine ansteigende Welle von Einwanderern, Pionieren, Missionaren, Forschern – wie immer man sie nennen möchte – betritt den Mars. Sie machen das, was andere wie sie auch auf der Erde schon immer taten: sie erschaffen um sich herum eine Welt, die so aussehen soll wie jene, die sie zurückgelassen haben. Auch die unvermeidlichen Abgesandten irgendeiner Religion machen sich auf den Weg, den Mars samt seiner Bewohner zu bekehren; lässt es sich hier so missionieren wie in der Vergangenheit in neu entdeckten Ländern oder erweitert der Mars am Ende gar die Perspektive der gottesfürchtigen Männer?

Als gäbe es den Mars und seine Eigenheiten nicht, interessieren sich viele der Mars-Neubürger nicht im Geringsten für die Welt, auf der sie nun leben. Doch diese Welt hat selbst eine Geschichte, die sich aber nur jenen erschließt, die sich mit offenen Augen und offenem Herzen darin bewegen.

Zur zukünftigen Besiedelung des Mars gehört auch eine Erde, auf der die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Die Mars-Chroniken berichten daher auch über Ereignisse auf der Erde in den Jahren vor 2030, in denen die Zivilisation zunehmend in Konflikten versinkt. Es wird für das Leben auf dem Mars entscheidend sein, ob die Menschen hier einen ähnlichen Fortgang der Geschichte zulassen oder ob sie neben ihrem wissenschaftlichen und technischen Wissen vor allem auch den Willen für einen moralischen Neuanfang mitgebracht haben – kurzum: Der Erfolg hängt davon ab, ob die Menschen sich ändern können oder es, wie seit jeher, in einen Krieg mündet.

Die meisten Storys könnten auch ganz alleine gelesen werden, sie sind in sich abgeschlossen. Darunter ein paar bemerkenswerte Kapitel, die nicht nur den Mars zum Thema haben, darunter: In „Da oben, mitten in der Luft“ schreibt Bradbury über ein Ereignis, das William Melvin Kelley 12 Jahre nach Erscheinen dieses Buches, im Jahr 1962, in ganz ähnlicher Form in seinem Roman „Ein anderer Takt“ aufgreift. „Usher II“ ist eine kleine, feine Horrorgeschichte, ganz in der Tradition des Edgar Allen Poe.

Bradbury selbst wollte seine Mars-Chroniken nicht als Science-Fiction bezeichnen. Er sah sie mehr in der Tradition alter Sagen, allesamt mythische Erzählungen, die hier eben nur zufällig auf dem Mars spielen. Und so ist es tatsächlich: Der Rahmen der Erzählungen ist reine Science Fiction, wie man die Eroberung unseres Nachbarplaneten verfolgt. Die Inhalte aber handeln von menschlichen Irrtümern, von fehlgeleiteten Fantasien, von irrigen Dogmen, von Träumen und Illusionen, von Missverständnissen, von Gut und Böse, vom Charakter der Menschen im Einzelnen und der Menschheit insgesamt. Tiefgründige und weitsichtige Geschichten, die immer wieder Parallelen zu unserer Vergangenheit und Gegenwart ziehen lassen – auch noch heute, im Jahr 2020.

„Die Mars-Chroniken“ gehen damit in allen Aspekten weit über herkömmliche SF-Literatur hinaus, sind vielmehr ein wichtiger Teil der gesamten klassischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Eine Sammlung von kurzen Erzählungen, die deshalb auch für Nicht-SF-Fans eine beeindruckende Leseerfahrung sein können.



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