Klaus Oppitz: Die Hinrichtung des Martin P.

verfasst am 22.09.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Oppitz, Klaus, Romane

Reden wir über Hass im Netz. Reden wir darüber, wie viele Menschen es gibt, die sich hinter der vermeintlichen Anonymität verstecken, um zu pöbeln und zu drohen.

Wer sind diese Leute? Erkennt man sie, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, haben sie ein weithin sichtbares Mal, einen unverwechselbaren Gesichtsausdruck? Oder sehen sie aus wie Du und ich, leben sie unauffällig unter uns und legen jegliche Hemmung nur dann ab, wenn sie sich feige hinter etwas verstecken können?

Das Verschwinden des sechsjährigen Mädchens entfacht bald eine Welle in den sozialem Medien, in der Tatsachen und mutwillig Erfundenes bald nicht mehr zu unterscheiden sind. Im Handumdrehen übernehmen, wie bei viel zu vielen anderen Themen auch, die Extremisten die Wortführerschaft; statt um die Suche nach einem Mädchen geht es schon wieder nur mehr um Flüchtlinge, Sozialschmarotzer, Rassismus, Vorverurteilung, Verschwörungstheorien … man kennt das, dort wo Menschen ihre Meinung posten können, schlägt der Tonfall allzu oft in Hass und Hetze um. Alle Dämme brechen, als die Leiche des Mädchens gefunden wird und bald darauf der Täter gesteht.

Martin Pietsch fällt nicht auf, wenn man ihm gegenüber steht. Er ist seit drei Jahren ohne Arbeit, gerade erst kam eine Absage für einen Job, für den er sich, wie er meint, recht erfolgreich beworben hatte. Mit einem Posting ist er meistens schnell zur Hand; wenn er sich über etwas eine Meinung gebildet hat – und sei es nur aus persönlichem Frust heraus – dann denkt er nicht lange darüber nach, er tippt und postet. So auch jetzt: schnell ist es draussen im Cyberspace, dass er, Martin am liebsten den Täter gleich kalt machen würde, wozu denn noch eine Gerichtsverhandlung, die sowieso nur Geld – unser Geld! – kostet.

Was, wenn nun diese Cyberwelt und die wirkliche Welt zusammen treffen?

Damit hat Martin Pietsch nicht gerechnet, dass man ihn beim Wort nehmen würde. Eine neue Gesetzeslage ermöglicht die Todesstrafe, aber das Land hat keine Henker. Es liegt nahe, Martin Pitsch, der sich mit seinem Posting quasi für den Job beworben hat, anzubieten, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen: im Auftrag des Justizministeriums den Mörder des Mädchens zu töten, ganz legal, und dafür auch noch ein Honorar zu kassieren.

Es ist schwere literarische Kost, die Klaus Oppitz zubereitet. Ein Buch, das ein Spiegel sein könnte, den sich alle jene vorhalten sollen, die ungefiltert und ungebremst ihre Gewaltphantasien hinaus posaunen. Und für alle anderen ein Grund, solche Umtriebe im Netz nicht weiter stillschweigend hinzunehmen. Wir reden über eines der drängstensten gesellschaftlichen Themen der Gegenwart, das man nicht denen überlassen darf, die – aus welchen Gründen auch immer – versuchen, den demokratischen Konsens zu zerstören.

Denn was wir alle nicht wissen ist, wer aus der Menge dieser Menschen am Ende wirklich bereit wäre jene Gewalt auszuüben, die er/sie im Netz zuerst nur verbal oder schriftlich verbreitet. Wir wissen zwar, dass es immer wieder solche gibt, die losziehen und im echten Leben das nachspielen, was sie in der virtuellen Welt gesehen haben – wer es am Ende ist, wer die Grenze überschreitet, das wissen wir aber erst, wenn es zu spät ist.

„Die Hinrichtung des Martin P.“ ist ein Roman über verlorene Hemmungen und verlorenes Mitgefühl.

PS: Gerade jetzt wird wieder einmal über Gesetze gegen Hass im Netz diskutiert. Und wieder einmal sind jene dagegen, die Gewalt und Hass mit Meinungsfreiheit gleichsetzen.



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