Georges Simenon: Chez Krull

verfasst am 06.07.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Simenon, Georges

Das Besondere an diesem Roman ist das Jahr seines Erscheinens: 1939. Vor diesem Hintergrund muss man die Themen Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile verstehen, das Georges Simenon hier in den Mittelpunkt stellt. Während zur selben Zeit im Nachbarland Deutschland die Fremdenfeindlichkeit, der Rassimus und der Antisemitismus zur Staatspolitik wurden, erzählt „Chez Krull“ von den Anfeindungen, mit denen sich Einwanderer aus Deutschland in Frankreich konfrontiert sehen.

Es ist dies der erste „politische“ Roman von Simenon, den ich lese. Düster und pessimistisch ist die Szenerie, die er hier entwirft. Denn es ist nichts weniger als ein Spiegel, den er seinen Mitbürgern vorhält. Ein Spiegel, in dem sie sehen können, wie sehr das eigene Verhalten dem der anderen ähnelt, das man doch so verurteilt und das doch so verwerflich ist.

Die Krulls sind schon seit Jahrzehnten in Frankreich zuhause, sie sind französische Staatsbürger. Für die Menschen im Ort sidn sie aber weiterhin „Die Deutschen“, werden mehr geduldet, als akztpetiert. Mit der Ankunft des Cousins Hans beginnts sich das labile Gleichgewicht zu verschieben.

Niemand hat Hans eingeladen, er steht eines Tages vor dem Haus und erzählt eine abenteuerliche Geschichte, warum er aus Deutschland fliehen musste. Das Konzentrationslager würde ihm drohen, sein Vater hätte ihn zu seiner Sicherheit hierher, ins Haus des Bruder, Hans‘ Onkel geschickt. Alles ist erlogen, Hans sucht nur eine Unterkunft, an der er sich kostenlos niederlassen kann. Hans spricht kaum französisch, was ihn aber nicht hindert, im Ort großspurig aufzutreten, ohne Rücksicht auf die fragile Beziehung zwischen den Krulls und den alteingesessenen Einwohnern. Es macht ihm im Gegenteil anscheinend Spaß, die Leute vor den Kopf zu stoßen.

Als die 17-jährige Sidonie tot aus dem Kanal geholt wird, geraten die Deutschen und vor allem Hans schnell in Verdacht, das Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben. Selbst die Polizei, die zum Schutz der Familie vor dem Haus postiert ist, kann die Krulls kaum vor dem wütenden Mob beschützen.

Wie aus einer unbewiesenen Anschuldigung eine angebliche Gewissheit über die Schuld entstehen kann, das schreibt Simenon in bestürzend anchvollziehbarer Weise. Ein Wort hier, eine Vermutung da, die jemand hört und als Tatsache weiter erzählt. Wie sich aus nichts unglaublich schnell etwas entwickelt, das man mit Erklärungen und Richtigstellungen nicht mehr eindämmen kann; denn dann kommen schon diese Sprüche, dass man etwas vertuschen wolle, dass eine bestimmte Gruppe an irgendwelchen verborgenen Fäden ziehen würden.

Der Roman wurde im Jahr 1938 geschrieben. Die Vorgänge rund um die Familie Krull ähneln in erschreckend vielen Details ganz der Systematik, mit der sich auch heute Wellen von angeblichen Beweisen für alles mögliche ungehindert ausbreiten und wie aus einer Lüge etwas wird, an das viele Menschen als die einzige Wahrheit glauben. Ob es die selbsternannten Virologen in der Corona-Krise sind, die Leute, die glauben, dass Bill Gates uns allen einen Chip einpflanzen möchte, der Unsinn, dass Impfungen Autistmus (oder was auch immer) auslösen würden … Verschwörungstheorien finden viel zu oft Gehör und Unterstützer.

Schrechlich und erschreckend, wie wenig sich geändert hat und wie so viele Menschen sich immer wieder durch die Provokationen einiger weniger aufstacheln lassen.



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