Pieter M. Judson: Habsburg
Geschichte eines Imperiums 1740-1918

verfasst am 01.04.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Judson, Pieter M.

Man könnte beinahe  das Fazit ziehen, dass es die gute, alte Zeit in einem gewissen Rahmen doch gab – nämlich damals, als Österreich noch eine Großmacht war, als wir alle Untertanen im Reich der Habsburger waren.

Diesen vereinfachten Schluß könnte man ziehen, wenn man Judsons Buch über die Donaumonarchie liest, ohne sie den wissenschaftlichen Erkenntnissen anderer Historiker gegenüber zu stellen. Erst in einer solchen Gesamtsicht wird das komplette, differenzierte Bild erkennbar.

1740-1918: das ist, mehr oder weniger, jener Zeitraum, der von der Regentschaft der Überfiguren Maria Theresia zu Beginn und Franz Josef I zum Ende hin eingerahmt wird (wenn man den hilf-und glücklos agierenden Karl als letztem Kaiser ausklammert).

Mit Maria Theresia begann der Staat Kontur anzunehmen, mit dem wir heute landläufig  als “Österreich-Ungarn” definieren. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts enstanden Schritt für Schritt viele jener Strukturen in Verwaltung, Bildung oder Gesellschaft, die auch noch heute unseren Alltag prägen.

Für mich war es dabei ungemein interessant zu lesen, wie aus unserer heutigen Sicht absolute Selbstverständlichkeiten überhaupt erst entstanden; die erstmalige Festlegung von fixen Arbeitszeiten und die Pünktlichkeit der Beamten in den Amtsstuben ist dabei nur eine dieser durchaus überraschenden Informationen.

Das Buch beschreibt vorrangig jene Bereiche im Inneren, in denen sich Staat und Menschen definieren. Wissenschaft und Wirtschaft, Religion, Politik, Medien, soziale Strukturen. Weniger, bzw. nur am Rande, liest man über die Außenpolitik und die Einordnung in das europäische Machtgefüge.

Judson stellt dabei, und das ist tatsächlich ein sehr wichtiger Aspekt, das Handeln der Habsburger den Entwicklungen in anderen Ländern gegenüber. Aus heutiger Sicht wird man dabei fast nichts finden, was unseren Standards im 21. Jahrhundert entspricht, doch eingeordnet in die jeweilige Zeit ergeben sich interessante und spannende Vergleiche.

Wie sah die Entwicklung des Kaiserreiches aus der Sicht der Bürger (der Untertanen) aus?

Damit befasst sich Judson sehr eingehend und das detailliert für einzelne Regionen und Zeiträume; es ist DAS zentrale Thema des Buches. Immer wieder verweist er dabei darauf, dass sich die Bevölkerung oftmals weitaus mehr mit “Österreich” als Heimat identifizierte, als die herrschenden Klassen (Aristokratie und Adel).  Als Grund dafür sieht Judson die Versuche der Habsburger, möglichst viel zu zentralisieren und damit die Befugnisse der lokalen Machthabern zu beschneiden und deren Möglichkeiten zur regionalen Machtausübung zu begrenzen.

Jene lokalen Machthaber, die in einigen Regionen zu Beginn noch als Feudalherrscher agierten und sich u.a. vehement der Abschaffung der Fronarbeit und den Initiativen zur Schaffung eines für alle zugänglichen Bildungssystems widersetzten. Daraus ergab sich wohl – folgt man Judson – vielfach eine “Wenn das der Kaiser wüsste” Einstellung der Menschen, die wiederum unterstellt, dass der Kaiser in Wien etwas ändern würde, wüsste er nur von den Zuständen im Lande (eine Ähnlichkeit mit dem Dritten Reich drängt sich hier auf, ganz aktuell sind solche Tendenzen auch in Russland zu sehen).

Zwar relativiert Judson diese Position und weist auch den Habsburgern Mitschuld durch Untätigkeit zu, lastet aber ansonsten viele der Mängel und einen Gutteil der Verantwortung für das Unrecht den lokalen Machthabern an. Was insoferne aus meiner Sicht oft zu kurz geriffen ist, als die Habsburger sich aus machtstrategischen Gründen meistens nicht vorrangig für die Untertanen sondern für den Erhalt der Strukturen und der Dynastie einsetzten.

Die Ära der Veränderungen

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt sich die Welt insgesamt in immer rascherem Tempo zu verändern. Fortschreitende Industrialisierung, Ausbau der Verkehrsnetze, Schritte zur Demokratisierung (nachdem Franz Josefs Versuch, den Absolutismus wieder zu installieren, desatrös scheiterte). Nur ein paar der Bereiche, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt.

Im Buch ist dieser Zeit sehr viel Raum gegeben und dieser ist mit detailreichen Berichten über regionale Entwicklungen, politische Verschiebungen und die Auswirkungen all dessen auf den Alltag der Menschen mehr als gut gefüllt. So gelingt es, nicht nur die generelle Entwicklung sondern auch die oft sehr spezifischen Ereignisse aus auch noch dem entferntesten Winkel der Monarchie, als ein Gesamtbild der Zeit zu sehen und zu verstehen.

Hier steht vieles, das ich nie zuvor gelesen habe.

Zusammengefasst:

Ein sehr interessante und sehr detailreiche Aufarbeitung der Geschichte Österreichs von 1740 bis nach dem Ende der Monarchie. Inklusive einiger Schlüsse, die andere Historiker in dieser Form wohl nicht gezogen hätten bzw. nicht gezogen haben.

Und genau das ist das Spannende dabei:
unterschiedliche Ansätze, die Habsburgermonarchie zu bewerten!


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