Helmut Andics : Luegerzeit
Das Schwarze Wien bis 1918

verfasst am 25.09.2015 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Andics, Hellmut, Geschichte

Die drei Jahrzehnte vor dem 1. Weltkrieg: das Wien jener Zeit und die Rolle und Bedeutung der Stadt für die Habsburger-Monarchie und die Bedeutung der Habsburger für die Stadt. Es ist eine Zeit voller Umbrüche und Weichenstellungen für das 20. Jahrhundert. Da sind einerseits die beharrenden Kräfte, die möglichst wenig an Veränderung zulassen wollen, während andererseits der Fortschritt (jedenfalls das, was man damals für Fortschritt hielt) nicht aufhaltbar ist.

Am Ende dieser Periode steht der Zerfall der Monarchie. Aber auch eine Stadt Wien, die – trotz aller Unkenrufe und Skepsis nach dem Ende des Weltkrieges – für das neue Jahrhundert gerüstet ist. Ein Rüstzeug, das auch zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches im Jahr 1984 und selbst heute im Jahr 2015 noch immer die Basis der Stadt ist.

Andics erzählt noch detaillierter als in den beiden ersten Bänden über das Leben und die Lebensbedingungen. Das Elend der Proletarier im Gegensatz zu den Bürgern der Stadt, die das Leben führen, das wir heute in verklärender Art und Weise oft als die „Gute, alte Zeit“ bezeichnen. Doch es war nur für eine Minderheit eine gute Zeit.

Die Arbeiterschaft begann sich allmählich zu organisieren, war aber noch lange Zeit auf das Wohlwollen der Regierenden angewiesen, wollte man soziale Verbesserungen erreichen; denn in der so genannten Volksvertretung saßen nur die Vertreter einer kleinen Minderheit – Wahlrecht gab es nur bei Besitzstand.

Die prägende Figur dieser Zeit war Karl Lueger. Als Bürgermeister Wiens stellte er die Weichen für die noch heute geltende Organisation der Stadt: öffentlicher Wohnbau als Gegenpol zur Immobilienspekulation, Übernahme der Strom-, Wasser- und Gasversorgung und des öffentlichen Verkehrs von den vormals damit befassten Privatunternehmen.

Entscheidende Schritte, um die Stadt schrittweise für immer mehr Bewohnerinnen und Bewohner lebenswert zu machen.

Zugleich war dieser Karl Lueger aber auch ein Antisemit, er gab mit dem Satz „Wer ein Jude ist, bestimme ich“ dem späteren Hermann Göring auch einen Teil dessen Selbstverständnisses mit und wurde von Hitler als Vorbild bezeichnet. Da Lueger auch als einer der Gründerväter der Chrsitlichsozialen gilt, ist er für die heute unter „ÖVP“ bekannte Partei neben Dollfuss einer der dunklen Punkte in deren Vergangenheit. *)

War Lueger eine bestimmende Figur in Wien, so brachte diese Zeit zugleich Persönlichkeiten hervor, die über die Grenzen Wiens, der Monarchie und der Zeit hinaus in Medizin, Literatur, Architektur, Wissenschaft oder Politik nachwirkten: von Arthur Schnitzler bis Sigmund Freud, von Viktor Adler bis Ernst Mach, von Otto Wagner bis Christian Doppler, und nur ein paar wneige zu nennen.

Wien ist das zentrale Thema dieses Buches, als Hauptstadt der Donaumonarchie hat die Stadt jedoch auch eine übergeordnete Bedeutung. Die politischen Verwerfungen, die Auseinandersetzungen mit der ungarischen Reichshälfte und die vergeblichen Versuche des Ausgleiches mit den Nationalitäten im Vielvolkerstaat bilden deshalb den zum Verständnis der Vorgänge erforderlichen Rahmen. Während Wien in neue Zeiten aufbricht, geht die Zeit der Habsburgermonarchie zu Ende.

Spannend zu lesen, voll von Wissen. Das Buch vermittelt enorm viele Erklärungen dafür, wie das Wien des 20. und 21. Jahrhunderts entstand und wo sich auch heute noch die Spuren dieser drei Jahrzehnte rund um den Jahrhundertwechsel des Jahres 1900 finden lassen.

*) Der Dr-Karl-Lueger-Ring in Wien wurde vor dem Hintergrund des Luegerschen Antisemitismus erst im Jahr 2012 – nach jahrelangen Diskussionen – in Universitätsring umbenannt und damit ein Zeichen gesetzt, dass Karl Lueger eine sehr umstrittene Figur ist. Bezeichnend dabei ist, dass sich Ursula Stenzel, die damalige Bezirkvorsteherin des 1. Bezirkes, gegen die Umbenennung aussprach – wohl schon in Vorbereitung ihres vor der Wien-Wahl im Herbst 2015 bekannt gewordenen Wechsels zur FPÖ, deren Protagonisten sich wohl gerne in der Tradition auch eines Karl Lueger sehen. (FPÖ-Parteiführer Strache sprach damals übrigens von einem „Skandal“ und von „Linkem Gesinnungsterror„… nun ja, nicht wirklich überraschend für diese Partei der bedauerlichen Einzelfälle am rechten Rand.)



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