Jean Cocteau: Thomas der Schwindler

verfasst am 23.04.2018 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Cocteau, Jean, Romane

Guillaume Thomas stammt aus dem Ort Fontenay. Als man ihn einmal fragt, ob er mit dem berühmten General de Fontenay verwandt wäre, nimmt er diese Gelegenheit gerne wahr um fortan als dessen Neffe aufzutreten. Er erdichtet seinen Lebenslauf, der ihn zu einem Soldaten macht, der er nicht ist. Die berühmte Verwandschaft und die Aura des Helden öffnen ihm Tür und Tor und man liebt es, sich mit seiner Gegenwart zu schmücken.

Im Hintergrund der erste Weltkrieg. Das macht aus dieser Erzählung eine Anklage gegen den Krieg, das Monstrum, das Ungeheuer, das unweit von Paris seine Opfer fordert. Cocteau sagte selbst über diese Erzählung, alles entspräche der Realität. Namen mögen geändert sein, die Figuren aber und das Grauen des Krieges sind wahr.

Hier der liebenswerte und geliebte Schwindler, dem man sein Tun selbst dann noch verzeiht, wenn man es durchschaut. Dort Bilder von Tod, Verstümmelung, Schmerz, die beinahe zu real wirken, um sie zu ertragen.

Aus diesen beiden so gegensätzlichen Brennpunkten entwickelt Cocteau eine Spannung, die mit knapper, klarer Sprache den Irrsinn der Zeit widerspiegelt. Geschrieben im Jahr 1922 ist diese Erzählung zeitlich noch so nahe am Weltkrieg, dass die meisten Zeitgenossen genau verstanden, was in den Jahren 1914 bis 1918 geschehen war.

Im Gegensatz dazu gibt es heute bei uns nur noch wenige, die Krieg aus eigenem Erleben kennen. Dafür wird uns Ähnliches frei Haus ins Haus geliefert. Wir sehen Berichte über Tod und Mord und hören die dafür Verantwortlichen über Politik und Einflussbereiche schwadronieren.

Was für ein Glück für uns, dass heutzutage alles so weit weg ist. Da können wir es dabei belassen, unser Entsetzen und Mitgefühl auszudrücken; und ansonsten unser Leben unbehelligt weiter führen.

Anders ergeht es Guillaume: in dem Moment, in dem sich für seine Fantasiegeschichte mit dem Krieg vermischt, endet sie. Alles vereinigt sich in dem Satz „Wenn ich mich nicht tot stelle, bin ich verloren“.

Ich bin hin und her gerissen zwischen dem beinahe an Eulenspiegel erinnernden Schauspiel Guillaumes, dieser Satire auf die Gesellschaft und deren unbedingten Glauben an Äußerlichkeiten. Und der so greifbaren und schonungslosen Beschreibung des Sterbens in den Schützengräben.

Eine großartige Erzählung.


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