Buchbesprechung/Rezension:

Cédric Gras: Stalins Alpinisten
Der Fall Abalakow


verfasst am 13.11.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Gras, Cédric
LiteraturBlog Bewertung:

Aus einer Zeit, als das Bergsteigen noch nicht zum Massenphänomen geworden war, als es ein paar begabte Kletterer gab, die vor sich noch viele unbestiegenen Gipfel hatten. Aus einem Land, der Sowjetunion, in dem der Sieg der Menschen über die Natur als Beweis für die Überlegenheit der eigenen Ideologie dienen sollte.

Diese überhöhte Bewertung sportlicher Erfolge hielt bekanntlich bis zum Ende der kommunistischen Staaten an, man denke nur an die Dopingmonster, die aus der DDR kamen.

Aber die DDR gab es damals, in den 1930er-Jahren noch lange nicht. Es gab Stalin und dessen brutales Regime und es gab junge Menschen, die sich, noch hatten sie die Menschenverachtung des Regimes nicht durchschaut, ganz in den Dienst des Kommunismus stellten.

Was die Brüder Witali und Jewgeni Abalakow aus Krasnojarsk in Sibirien antrieb, war zunächst sicher keine Ideologie, sondern der unbändige Drang, Berge zu absteigen.

Was die beiden motivierte und wie Bergsteigen damals ablief: Die Schilderungen der Besteigungen sind manchmal so plastisch, dass ich beim Lesen schon beinahe selbst nach Atem ringe. Wie es damals, man bedenke auch den nahezu erbärmlichen Zustand der Ausrüstung, Menschen denn überhaupt möglich war, in diese unwirtlichen, wilden Regionen vorzustoßen und dann auch noch lebend zurückzukehren. Kälte, Schnee, Sturm. Dann wieder Sonne, unendlich weite Ausblicke. Immer wieder gefährliche Situationen, der Tod klettert immer mit. -25°, -45° … es ist kaum zu begreifen, wie groß die Willensanstrengung sein muss, die die Bergsteiger hinauf auf die Gipfel treibt. Die Partei betrachtet das alles politisch, womit die Erstbesteigungen der Berge mit Namen wie Pik Stalin und Pik Lenin besondere Bedeutung zukam.

Ab dem Jahr 1937 ist es dann egal, mit welcher Motivation die Brüder die Berge bestiegen. Ab dann ist es gleichgültig, ob sie glühende Kommunisten waren oder nur Menschen, die so gut wie möglich in der Diktatur leben wollten. Stalins Pläne scheitern, die Ernährungslage ist katastrophal, es müssen Schuldige gefunden werden; der eigentliche Stalin-Terror beginnt, während dem zehntausende werden ermordet, hunderttausende verhaftet oder deportiert. Einer davon ist Witali, den man aller möglichen erfundenen Verbrechen beschuldigt. Er wird, wie so viel andere auch, dazu gezwungen, die unglaublichsten und absurdesten Dinge zu gestehen.

Und wieder macht ist der Realismus, in dem dies beschrieben ist, das Geschehen mit Händen greifbar: diesmal umfasst einen selbst beim Lesen zuerst Unverständnis, dann Wut, wie verlogen, skrupellos und menschenverachtend so ein Regime und wie die Handlanger des Regimes handeln können.

Das Buch hat zwei Themen, genau wie es der Titel besagt: Die Zeit, als das moderne Bergsteigen noch in den Kinderschuhen steckte und das Leben in einer Diktatur –  die Abalakow-Brüder und Stalin.

Während über das Terrorregime Stalins natürlich ausreichend Quellen für eine lückenlose Dokumentation zur Verfügung stehen, so weist die belegbare Biografie der Brüder einige Lücken auf. Es gelingt Cédric Gras zwar eine insgesamt sehr emotionale Lebensgeschichte der beiden zu erzählen, doch – dann schreibt er das oft selbst dazu – ist einiges davon reine Spekulation und viele Annahmen füllen diese Lücken auf. Womit es eine stets ein wenig unscharfe Abgrenzung zwischen Biografie und historischem Roman gibt – trotzdem oder vielleicht genau deshalb: spannend zu lesen.

PS: beeindruckend sind die alten SW-Bilder. Die erinnern mich sehr an ganz ähnliche Bilder aus den 1950er-Jahren, die ich noch von meinem Vater habe, wie er im Schnee, mit der damals typischen Schneebrille mit den kreisrunden Gläsern auf einem Gipfel steht.




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