Georges Simenon: Der Buchhändler von Archangelsk

verfasst am 05.01.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Simenon, Georges

Der Buchhändler von ArchangelskWozu den Titel ändern? „Der kleine Mann aus Archangelsk“, so die direkte Übersetzung des Original-Titels und auch der deutschsprachigen Erstauflage aus dem Jahr 1978, würde es besser treffen. Umso mehr, als der Buchhändler auch ein Briefmarkenhändler ist. Das ist meine einzige Beschwerde über dieses Buch und Simenon hat damit gar nichts zu tun.

Der kleine Mann ist Jonas Milk: sein Leben dreht sich um Bücher, Briefmarken und seine Frau Gina. Mit Büchern füllt er seinen Laden, davon leben kann er aber nicht. Aus seiner Leidenschaft für Briefmarken dagegen hat er ein sehr lukratives Geschäft ausgebaut. In Sammlerkreisen machte er sich als Spezialist für Fehldrucke einen Namen.

Gina ist 16 Jahre jünger als er und lebt in einer völlig anderes Leben als ihr Ehemann. Einst war sie die Liebschaft vieler junger Männer in der Stadt, dann wurde ihr damaliger Liebhaber wegen eines Raubes verurteilt.  Mehr durch Zufall kam es zur Hochzeit von Gina und Jonas und nun verehrt er seine junge Frau, ohne von ihr gleiches zu erwarten. Das Verschwinden Ginas versucht er daher, aus Scham, aus Unsicherheit, zu verschleiern. Als sie abends nicht mehr nach Hause kommt und er feststellt, dass sie die wertvollsten Marken mitgenommen hatte, belügt er Verwandte und Bekannte über den Grund ihrer Abwesenheit.

Sie wäre nur in eine andere Stadt gefahren, eine Freundin zu besuchen. Doch in einem kleinen Ort in der Provinz eine erfundene Geschichte aufrecht zu erhalten, das ist praktisch ein Ding der Unmöglichkeit.

Sein Schicksal und das seiner Familie, die aus dem zaristischen Russland fliehen musste, hatte aus Jonas einen Einzelgänger gemacht. Als Gina in sein Leben trat, war sie der einzige Mensch, der ihm jemals so nahe gekommen war. Nun, da sie verschwunden war, zieht sich Jonas wieder in seine kleine Welt zurück, unfähig, sich jemandem mitzuteilen. 

Es kann nicht ausbleiben, dass sich auch die Polizei für die Angelegenheit interessiert, zu widersprüchlich sind die Antworten Jonas‘ auf die Fragen zu seiner Frau. Der kleine Mann vertrickt sich durch seine eigene Ungeschicklichkeit immer tiefer in eine missliche Lage. So tief, dass er mehr und mehr in Bedrängnis gerät.

Ein trauriges Buch, das sehr einfühlsam und dicht die Geschichte eines Mannes erzählt, der es nicht schafft, mit seinem Mitmenschen unbefangen umzugehen. Ein Buch ohne Happy End.


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top