Alice Munro : Zu viel Glück
Zehn Erzählungen

verfasst am 05.12.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Erzählung, Munro, Alice

Erzählungen über Ereignisse aus dem Alltag, die nicht alltäglich sind. Auf knapp 360 Seiten finden 10 solcher Erzählungen Platz, jede von ihnen ein ganzer Roman. Mein Lesedebüt bei Alice Munro stellte sich schon nach wenigen Seiten als wahrhafter Glücksfall heraus.

Ohne das Nobelpreis-Komittee wäre es wohl nicht zu diesem Debut gekommen, deshalb auch dorthin Dank, dass man dieser grandiosen Schriftstellerin den Nobelpreis 2013 verlieh.

Genau das ist das schöne an der Literatur: man kann tagein, tagaus lesen und doch bleibt immer noch so unendlich viel Unentdecktes über. Ein Stupser in die richtige Richtung ist da gelegentlich nötig, sonst geht man an viel zu vielen Büchern vorbei, die es wert sich gelesen zu werden.

Nun also bin ich bei der Literatur-Nobelpreisträgerin 2013 gelandet.  Lese ein Buch, das kein Roman, sondern eine Sammlung von Romanen ist. Andere hätten dafür vielleicht 200,300 oder 400 Seiten für jede einzelne der Geschichten beschrieben, bei Alice Munro reichen dafür 35,40 Seiten. Die Wirkung ist aber so, als wäre jede der Erzählungen ein ganzer Roman.

Es ist jedoch weniger die niedergeschriebene Handlung, als vielmehr der Anstoß, selber die Gedanken kreisen zu lassen. Eine Bemerkung, ein kleiner Hinweis, ein Satz: es sind immer wieder kurze Einleitungen, aus denen man, beinahe unwillkürlich, selbst die Geschichte weiter denkt; oder überlegt, was wohl daraus wird.

Das ergibt eine Mixtur aus Spannung und Fantasie, die einen ganz eigenen Reiz, so ganz anderes als man es gewöhnlich liest, ausübt. Dabei tritt die von Alice Munro erdachte Geschichte ein wenig zur Seite und macht Platz für die Kreativität der Leserin/des Lesers. 

Ohne diese Geschichten würde sich aber ganz nicht regen. Sie sind lakonisch und verwirrend, weltfremd und real, verständlich und unwirklich. Zu lesen ist über Dorree, die sich dem Dämon ihres Lebens stellt; über Joyce, die nach vielen Jahren an einen lange vergessenen Teil ihres Lebens erinnert wird; über Nina, die in einer ganz seltsamen Verbindung verstrickt ist. Sally verliert einen Sohn, trifft ihn nach vielen Jahren wieder, ohne ihn dabei zu finden. Nita hat keine Angst vor dem Unbekannten, der sich mit eine Lüge in ihr Haus drängt.

Allesamt seltsame – oder besser: wundersame Geschichten, die aber eines gemeinsam haben: man sollte sie unbedingt lesen. Gar nicht so sehr hintereinader, in einem Stück; „Zu viel Glück“ ist ein Buch, das man immer wieder in die Hand nehmen kann um ein nächstes Stück, eine weitere Geschichte daraus lesen.

Die schmucklose, dabei aber dichte Sprache der Alice Munro lässt beim Lesen das Rundherum vergessen. Für eine kurze Zeit taucht man, ob man will oder nicht, in das kleine Universum ein, das sie für ihre Protagonistinnen erschaffen hat.


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