Andrea Maria Schenkel: Täuscher

Schon nach den ersten Worten war mir dieses Buch ungemein sympathisch. Wie der Kriminalbeamte Wurzer nach einem Kinobesuch seine Frau beruhigen muss; so sehr hat die der Krimi auf der Leinwand aufgeregt. Frau und Herr Wurzer: eine Einstiegsszene, bei der ich gleich das Gefühl hatte, im richtigen Roman gelandet zu sein.

So wie es da steht, muss es wohl ein Stummfilm gewesen sein (was im Jahr 1922 auch nicht sehr verwunderlich war), denn es ist dieser entsetzte Gesichtsausdruck der Hauptdarstellerin, der Frau Wurzer nicht zur Ruhe kommen lässt – von einem Schreckensschrei hingegen ist nichts zu lesen. 

So beschaulich geht es dann natürlich nicht weiter, lesen wir doch schon bald von Mord. Der Sympathie fürs Buch tut das jedoch keinen Abbruch.

Das Verbrechen:

Mutter und Tochter Gansmeier werden in ihrer Wohnung in Landshut ermordet aufgefunden. Der Hinweis auf das Verbrechen kam von Berta Beer und Auguste Kölbl. Schwestern, die dem Kriminaloberwachtmeister Huther berichten, dass sie schon seit ein paar Tagen vergeblich versuchten, bei Ganslmeier jemanden zu erreichen. Huther schickt einen seiner Untergebenen los, der zuerst nur die tote Mutter entdeckt. Huther selbst ist es, der bei der Besichtigung des Tatortes dann auch die Tochter findet. 

Von den Schwestern kommt auch der Hinweis: ihrer Meinung nach wäre wohl der Sohn des Bürstenfabrikanten Täuscher der Täter; denn der wäre zwar mit der Tochter Ganslmeier verlobt, hätte sie aber andauern nach Strich und Faden betrogen.

Der Prozess:

Täuscher und sein ebenfalls angeklagter, angeblicher Komplize treten vor dem Gericht auf, als wären sie gar nicht oder nur sehr am Rande an den Vorgängen beteiligt. Hubert Täuscher, der Fabrikantensohn, erklärt immer wieder seine Unschuld und fordert die Behörden auf, endlich den wahren Täter zu suchen. Luck Schinder, der kleine Berufsgauner, gibt sich hingegen gelassen, so als drohten ihm als Helfer eines Mörders nicht viele Jahre im Gefängnis.

Die sensationsgierige Öffentlichkeit indes ist von der Schuld der beiden Männer von Anfang an 100%ig überzeugt.

In steten Vor- und Rückblenden laufen drei Erzählstränge nebeneinander her: die Aufklärung des Verbrechens, die Beschreibung der Arbeit der Polizei und der Behörden; die Vorgeschichte der Tat; der Prozess. Dass sie alle am Ende in die Lösung münden werden ist zwar klar – doch wie diese aussieht, das lässt sich bis zum Schluß nicht vorhersagen.

Ohne diese Zeit selbst erlebt zu haben, vermitteln mir Stil und Inhalt doch das Gefühl, in der Welt der 1920er-Jahre gelandet zu sein. Sehr authentisch, sehr wirklichkeitsnah. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, mich in einer literarisch aufbereiteten, zeitgenössischen Reportage zu befinden (man stelle es sich so vor: alles in Schwarz/Weiß, vielleicht sogar mit Untertiteln, und es ruckelt ein zwar wenig, aber genau das macht es ja aus).

Nein, das Ruckeln und das „Schwarz/Weiß“ bezieht sich natürlich nicht auf die Sprache des Buches. Ganz im Gegenteil, die Geschichte ist enorm lebendig und schildert sehr glaubhaft die Zeit, die Menschen, die Umstände.

Andrea Maria Schenkel schrieb mit „Täuscher“ einen Krimi, der einerseits in der Tradition der (zB. englischen) Krimiklassiker anzusiedeln ist, darüber hinaus auch noch ein überaus plastisches, bewegtes und buntes Bild der Zeit, der 1920er-Jahre,  zeichnet.

Von der Autorin habe ich bisher noch nichts gelesen; wenn ihre früher veröffentlichten Krimis (zu denen es hier im LiteraturBlog ein paar Besprechungen gibt) in einer ähnlichen Liga spielen wie dieses Buch, dann verstehe ich gut, warum zwei davon eine ganze Menge an Preisen (u.a. den Deutschen Krimipreis für Tannöd und Kalteis) erhielten.  „Täuscher“ gehört aus meiner Sicht vielleicht nicht direkt zu den potentiellen Preisträgern, jedenfalls aber in eine engere Auswahl für den Deutschen Krimipreis.



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