Andrea Maria Schenkel : Kalteis

Kalteis! Schon der Name klingt bedrohlich! Scheint Programm des Romans zu sein. Zieht sich wie ein gefrorener Faden der Angst durch das ganze Werk. Andrea Maria Schenkel erzählt die Geschichte von Josef Kalteis, der eigentlich Johann Eichhorn hieß und als „Schrecken des Münchner Westens“ in die Polizeigeschichte einging.

Eichhorn vergewaltigte von 1934 bis 1939 mindestens 90 Frauen. Fünf von ihnen ermordete er. Zerstückelte sie. Verging sich auch noch an ihren Leichen. Immer bestialischer wurden seine Verbrechen. Mit dem Fahrrad war er unterwegs. Immer auf der Suche nach neuen Opfern. Nach hübschen jungen Frauen mit üppigem Hinterteil.

Die zweite Hauptfigur des Romans ist Kathie Hertl. Sein erstes Mordopfer. Ein Mädchen vom Land. Sie wollte im München des Jahres 1931 ihr Glück suchen. Einen reichen Mann wollte sie sich angeln. Der Traum aller jungen Mädchen früher. Und wie ich vernehme teilweise auch heute noch. Stattdessen glitt sie in die Prostitution ab. Traf auf Josef Kalteis.

Der Lebensweg von Josef Kalteis wird rückwärts aufgerollt. Der Roman beginnt mit seiner Verurteilung und Hinrichtung. Der Täter ist somit bekannt, also richtet Schenkel den Blick verstärkt auf die Opfer und ihre Angehörigen. Besonders auf die Rekonstruktion der letzten Woche im Leben von Katie in München.

Die Erzählebenen von Katie und Kalteis laufen unweigerlich aufeinander zu. Von Beginn an weiß man, dass er ihr Mörder sein wird. Alles gipfelt im Bekenntnis seiner unfassbaren Perversion. Detailliert werden seine Taten beschrieben. Nichts wird kommentiert, nicht psychologisiert. Die Erschütterung ist dadurch wahrscheinlich umso größer. In diesen Momenten möchte man nicht allein sein. Man möchte jemanden fragen, ob das wirklich so zwischen den Buchdeckeln steht, ob man nicht einem fürchterlichen Albtraum erliegt.

Die bayrische Autorin erinnert in der Drastik ihrer Schilderungen phasenweise an Brett Easton Ellis („American Psycho“) oder Franzobel („Das Fest der Steine“), ohne aber deren literarisches Talent zu besitzen.

„Kalteis“ ist so wie ihr Sensationserfolg „Tannöd“ eine Mischung aus Kriminal- und Heimatroman. Obwohl in hochdeutsch geschrieben, bricht sich immer wieder das bayrische Idiom seine Bahn durch das Werk. Es regiert die Parataxe, die Satzordnung ist jener der Umgangssprache angepasst. Und da kann es dann manchmal ein bisschen holprig werden. Dieser Sprachstil wird deshalb auch gerne in Werbetexten verwendet. Die einzelnen Hauptsätze werden bewusst verkürzt, um die Einprägsamkeit noch weiter zu steigern.

Wie bei „Tannöd“ gibt es keinen einzelnen Erzähler, sondern die Handlung wird durch Zeugenaussagen in der Ich-Form und Schilderungen der Opfer und ihrer Angehörigen, ergänzt durch Auszüge aus dem fiktiven Vernehmungsprotokoll von Josef Kalteis aufgebaut. Durch diesen Aufbau wird eine ganz besondere Spannung erzeugt, eine Spannung, die von der Vorahnung des Lesers erzeugt wird.

Schenkel macht nicht den Versuch sich mit der Psychologie des Mörders zu beschäftigen und unternimmt auch keine Anstrengungen zu verstehen, warum er zum Triebtäter wurde. Man erfährt nur, dass er unbändige Lust empfindet, wenn er Gewalt gegen Frauen ausüben, wenn er Angst erzeugen kann. Das darunterliegende Motiv (das alte Lied der Machtausübung?) bleibt ausgespart.

Der gesellschaftliche Hintergrund, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wird weitgehend ausgeblendet. München, damals immerhin die „Hauptstadt der Bewegung“ und geschmückt wie eine Braut, bleibt blass und schematisch. Wie für „Tannöd“ erhielt Andrea Maria Schenkel auch für „Kalteis“ den deutschen Krimipreis.

Ich habe die beiden Romane direkt hintereinander gelesen und würde „Tannöd“ als das atmosphärisch etwas dichtere Werk bezeichnen.

Aber lesenswert ist „Kalteis“ alle mal, vor allem, wenn man über gute Nerven verfügt.



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