James Meek: Liebe und andere Parasiten

verfasst am 19.08.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Meek, James, Romane

Nur keine Angst: wer nach den ersten Seiten fürchtet, hier in die Buchform der Home-Storys mit alternden Rockstars (Ozzy Osbourne, Gene Simmons, etc.) geraten zu sein, kann das Buch beruhigt weiter lesen. Ja, es ist eine Familengeschichte, ja, der frühere  Rockstar ist die Hauptperson – aber das war es auch schon  mit Gemeinsamkeiten. Denn „Liebe und andere Parasiten“  ist ungeheuer lesenswert.

Es beginnt mit einer Affäre, die alles mit sich bringt, um den 40-jährigen Ritchie Shepherd in den Abgrund zu reissen. Da ist er einerseits unheimlich gerne verheiratet, liebt seine Frau Karin und seine Kinder. An dem 15-jährigen Mädchen aber blieb er trotzdem hängen und  sie wurde seine Geliebte.

Vorhersehbar, dass diese Liason trotz zahlreicher Geschenke, trotz eigens dafür gemieteter Wohnung nicht funktionieren kann. Richie erkennt das genau in dem Moment, als die Mutter des Mädchens in der Wohnung sitzt, seine kleine Geliebte recht unromantisch verschwindet und dafür deren Mutter unverholen Zuneigung („ich war immer schon ein Fan…“) einfordert.

Als LeserIn spürt man jetzt beinahe körperlich, wie das Unheil beginnt, über Richie hereinzubrechen.

Jetzt wird es Zeit, sich mit einem zweiten, ebenfalls inflationär auftretenden TV-Phänomen zu befassen: Castingshows! Eine solche produziert Rizche und als ehemaliger Frontman einer erfolreichen Band weiß er natürlich, wie er die Sache aufziehen muss. Das, was wir von all den Castingshow immer schon angenommen haben, das ist bei „Teen Makeover“ Realität: es wird gnadenlos geschummelt, die Spannung entsteht in den Drehbüchern und die Sieger wählt in Wahrheit nicht das Publikum sondern das Produktionsteam.

Ritchie ist also bestens im Geschäft und scheffelt das große Geld. Dass er sich ausgerechnet mit einer 15-jährigen einlassen musste, gefährdet nicht nur seine Karriere sondern auch die Ehe zu Karin, ja es könnte ihn auch ganz schnell ins Gefängnis bringen. Wieder so ein Querverweis zur Realität, man erinnere sich nur an die erst kürzlich bekannt gewordenen Skandale um Unzucht mit Minderjährigen in der BBC. Doch noch scheint er sicher zu sein.

Ritchies Schwester Bec ist in der zweiten Hauptrolle dieses Buches zu lesen. Der dirkete Gegenpol zu ihrem Bruder: Sie ist Forscherin, hält wenig von Society-Spielereien oder Auftritten in der Öffentlichkeit und möchte endlich die Malaria besiegen. Dazu ist sie bereit, alles zu tun; bis hin zum Selbstversuch. Und sie wird von zwei Männern begehrt. Einer davon ist Val Oatman, Herausgeber eines Boulevardblattes, skrupellos, immer auf der Suche nach Schlagzeilen, mit denen er ihm unliebsame Menschen vernichten kann.

Als Bec seine Avancen zurück weist und sogar die Verlobung mit ihm ausflöst, droht Val, Ritchies Fehltritt öffentlich zu machen, denn er weiß über die Affäre mit dessen minderjähriger Freundin Bescheid. Entweder Ritchie hintergeht seine Schwester oder er wird öffentlich an den Pranger gestellt.

Was sich wie die Beschreibung einer mehrfachen Familientragödie liest, entpuppt sich schon bald als ein „Pageturner“ mit der passenden Menge (schwarzem? britischem?) Humor an der richtige Stelle, hat manche bis ins Absurde ausschweifende Abschnitte. Ein Roman zwischen Ironie und Realität, zwischen Lachen und Weinen, Zuversicht und Mutlosigkeit.

Dabei schafft es Meek, so enorm viele aktuelle Themen mit der Handlung des Buches zu verweben, dass man es fast schon als ein Best-Of der gesellschaftlichen und moralischen Aufreger des letzten Jahrzehnts bezeichnen kann. Seine sehr glaubhaften Charaktere verleihen der Geschichte genau das richtige Dosis an Authenzität, die es braucht, um wie ein Buch des heutigen Lebens zu wirken. 

„Liebe und andere Parasiten“ macht vor allem Freude beim Lesen.

Man wird sich seine Meinung zu den Darstellern bilden und man wird ganz eindeutig Position zu ihnen beziehen. Man wird gebannt lesen, man wird mitfiebern und mitleiden. Man wird sich Szenarien für den weiteren Fortgang der Handlung wünschen und man wird hoffen, dass es dann genauso kommt.

Und man wird am Ende dieses Romanes voller Neugier schon auf James Meeks nächsten Roman warten.


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