Harald Welzer: Selbst denken
Eine Anleitung zum Widerstand

verfasst am 26.05.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Politik, Welzer, Harald

Selbst denken„Selbst denken“ ist kein Appell an andere mit erhobenem Zeigefinger: Denke gefälligst selbst! Der Sozialpsychologe regt zur Reflexion des eigene Handelns an, das Konzept der Überflussgesellschaft kritisch zu hinterfragen und den eigenen bequemen Konsum zu überdenken. Und dabei bei sich selbst zu beginnen!

Harald Welzer geht dabei von Kants Idee der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ aus. Wir lassen uns „freiwillig“ sagen, was wir tun wollen und sollen. Das geschieht über die Medien, die in uns immer mehr Bedürfnisse wecken, die scheinbar durch den Konsum von Massenprodukten gestillt werden können.

1784 beschrieb Immanuel Kant die Unmündigkeit als Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Wobei er dabei nicht davon ausgeht, dass es einem an Verstand mangelt, sondern an fehlendem Mut, diesen auch zu gebrauchen und sich quasi durch eigenständiges Denken zu emanzipieren. Das umzusetzen, in einer hierarchisch ausgerichteten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, erschien mir zuerst leichter ausgesprochen als lebbar.

Ausgehend von Kants These provoziert der Autor mit seiner psychosozialen Analyse und steigt mir als Leserin ordentlich auf die Zehen. Es hängt immer auch von mir persönlich ab, ob sich etwas an der Ressourcenverschwendung verändert und appelliert an Eigenverantwortung.

Als Orientierungshilfe stellt er seinen Ansatz in der grammatikalischen Formulierung „Futur 2“ in den Raum – das heißt von der Vorstellung, wie wird mein Leben gewesen sein und welche Auswirkungen wird meine Lebensführung in die Zukunft gehabt haben.

Beginnend ab der Geschichte der Nachkriegszeit, über die Okkupation der Wirtschaft und der Finanzmärkte, der Individualisierung als Gegenpart zum sozialen Miteinander, lässt er einen neuen Blick in die Zukunft richten mit der Frage: Wie kann ich mein Leben gestalten und dabei die Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verlieren.

Auch eine „Ökodiktatur“ bringt uns nicht weiter. Jede/r selbst kann einen Beitrag leisten. Freiwillig. Nachhaltigkeit ist ein persönlicher Wert und wie jede/r einzelne  diesen Wert lebt, werden unsere nachfolgenden Generationen zu spüren bekommen.

Harald Melzer regt an, die eigene Komfortzone zu verlassen und gleichzeitig ein selbstbestimmtes Miteinander zu leben. Dazu gehört ein neues Gemeinschaftsgefühl, ausgelöst durch gegenseitige Hilfsbereitschaft und die Nutzung von Gemeinschaftsgütern, wie bereits in den Ideen von Tauschbörsen, Carsharing und Giveboxes umgesetzt wird. Solche Modelle nachhaltiger Lebensstile führen zu neuer Gemeinschaft, was meines Erachtens allerdings Vertrauen voraussetzt und dies muss in unserer individualisierten Lebenswelt oft erst wieder gefunden und zugelassen werden!

Widerstand gegen den Konsumüberfluss. Nicht nur der Wachstumspolitik, der auf Gewinne, Lebensmittelüberschüsse, Wegwerfprodukte und Müll produzierenden ausgerichteten Wirtschaft, verbunden mit einer enormen Ressourcenverschwendung, gilt sein kritischer Blick – auch uns KonsumentInnen bringt der Autor ironisch, grotesk und aufrüttelnd näher, wie und wo wir da mittun.

Ist alles nicht neu…

…und trotzdem macht das Buch nachdenklich!



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