Buchbesprechung/Rezension:

Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek


verfasst am 21.12.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Haig, Matt, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Aus der Trostlosigkeit ins Paradies. Aus einem Leben, das aus vielen versäumten Chancen, viel Angst vor der Zukunft und zu viel Zögern besteht, hinein in ein „Leben“, in dem alles möglich ist.

An einem Tag nach einem 35 Jahren langen Leben voller Misserfolge beschließt Nora Seed, dass es jetzt genug ist mit ihrem Leben: ihre Antriebslosigkeit, weil sie von nichts und niemanden gebraucht wird, nichts und niemand Wert auf sie legt und alles, weil nichts, was sie je begonnen hatte, jemals zu einem positiven Ende führt; es ist Zeit, das alles zu beenden.

Bevor ich mich von den ersten Kapiteln des Buches in eine depressive Stimmung versetzen lasse, erinnere ich mich nun besser an den Klappentext: falls uns auf dem Weh zum Jenseits eine Art Bibliothek erwarten würde, wäre das denn nicht so etwas wie das Paradies?

Als Nora Leben zu enden beginnt, erwacht sie in der Mitternachtsbibliothek. Die unendlich vielen Bücher, die in endlos langen Regalen stehen, sind aber keine Klassiker, keine Liebesromane oder Krimis; es sind Bücher über Noras viele Leben, die sie nicht lebte, weil sie andere Entscheidungen getroffen hatte. Eine Bibliothek also, über die vielen Möglichkeiten, die es gab, gegeben hatte oder gegeben hätte.

Was für eine Gelegenheit wäre das: eine andere Entscheidung treffen und dann selbst miterleben, wie das eigene Leben anders verlaufen wäre. Nichts bereuen, sondern etwas anderes ausprobieren. Nora erlebt einige dieser vergebenen Möglichkeiten – sobald klar wird, dass das Buch (ich meine jetzt das richtige Buch, das ich gerade lese) davon erzählen wird, bin ich ungemein neugierig darauf, wie Noras Leben aussehen hätte können und was ihre Optionen wären.

Das Pub, das sie mit Dan eröffnen wollte; ihr Kater Voltaire, der nicht zum falschen Zeitpunkt über die Straße läuft; gemeinsam mit ihrer Freundin Izzy nach Australien auswandern; ihr Talent, eine der besten Schwimmerinnen der Welt zu werden, nützen; ihr Wunsch, als Gletscherforscherin nach Spitzbergen zu gehen; in der Band zu bleiben und  Rockstar zu werden. Waren das alles vergebene Chancen auf ein erfüllteres Leben, weil sie so oft vor wichtigen Momenten den Mut verlor? Zwischen allen diesen (und vielen weiteren) Möglichkeiten sucht Nora diejenige, die es wert ist, darin weiterleben zu wollen.

Ganz großartig finde ich es, wie Matt Haig Noras Erinnerungen an Vergangenes ins rechte Licht rückt, wie er in den „Lebensbüchern“ der Bibliothek über die anderen Lebenswege beschreibt, dass auch anscheinend perfekte Gelegenheiten im Leben keine Garantie für eine tatsächlich perfekte Zukunft sind.

Mit dem Erleben der anderen Lebenswege beginnt Nora zu erkennen, dass vieles von dem, was sie als ihre eigenen Fehler ansah, in Wahrheit doch richtig oder unvermeidlich war. Und wie sie das erkennt, beginnt sie auch ihr ganzes Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Faszinierend, wie rasch sich die Sichtweise von deprimierend auf optimistisch ändern kann, wenn man nur ein paar Erkenntnisse hinzufügt – und faszinierend, wie klar das in diesem Roman beschrieben ist und deutlich wird.

Von Beginn an ist es ein fesselndes Buch, ohne ein Thriller im eigentlichen Sinn zu sein. Es ist die Neugierde, die für Spannung sorgt, welche Lebensvarianten es für Nora gibt und wie es zudem noch so viele verschiedene Versionen der Details gibt. Abschnitte aus Noras wirklichem Vorleben vermischen sich immer neu, immer unterschiedlich in den alternativen Welten.

Zwar läuft auch in den anderen Leben nicht alles perfekt, aber die Grundstimmung wechselt ganz eindeutig in Richtung Optimismus, gewissermaßen ein Aufruf, sich den Blick nach vorne nicht durch das Nachtrauern nach vermeintlich vergebenen Chancen verstellen zu lassen. Jede Entscheidung, die man trifft, führt unweigerlich zu positiven und auch zu negativen weiteren Entwicklungen. Wir können eben nicht in die Zukunft blicken, um die Wirkung unserer Handlungen vorauszusehen.

Denn so ist es, das Leben – und genau so kann man es selbst gestalten und soll mit jeder Wendung Ausschau nach neuen Optionen suchen. Die Wahl gibt es jederzeit und vielleicht ist ja die unscheinbarste genau die richtige.

Nora erfährt es, Matt Haig beschreibt es, mich berührt es.

Ein Buch mit Nachhall!




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