Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort

verfasst am 23.09.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Hochgatterer, Paulus, Romane

Psychiater Raffael Horn und Kommissar Ludwig Kovacs: neun Jahre nach dem letzten Roman mit seinen beiden Hauptdarstellern veröffentlicht Paulus Hochgatterer mit „Fliege fort, fliege fort“ den nunmehr dritten Roman über rätselhafte Ereignisse in Furth, der Stadt am See.

Neun Jahre: meine Erinnerung an die beiden Vorgängerromane versuche ich zuerst mit Hilfe der Besprechungen hier im LiteraturBlog auffrischen. Jedoch ist praktisch alles aus den Büchern nach dieser langen Zeit ganz einfach aus meinem Gedächtnis verschwunden (nur an meine damalige Begeisterung beim Lesen, an die kann ich mich gut erinnern).

Die Personen in diesem Roman begegnen mir somit wie unbeschriebene Blätter, deren Inhalt ich erst entschlüsseln muss. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Nachteil, weil ich viele  Verbindungen, Verweise, Vorgänge und Beziehungen einfach nicht zuordnen kann. Paulus Hochgatterer jedoch arbeitet gnadenlos bisher geschehenes in seinem neuen Roman ein und sorgt damit – jedenfalls bei mir – zuerst einmal für gehörige Verwirrung. Das wird noch gesteigert durch die schiere Menge der Personen und Namen, die Hochgatterer ins Geschehen schickt.

Von Vorteil ist, dass ich diesen Roman so wie jemand lesen kann, der erstmals einen Roman dieses Autors liest.

Und es ist schnell ein gutes Gefühl, das sich bei mir einstellt. Obwohl ich lange Zeit – siehe oben – keinen richtigen Durchblick finde, sind es die Schilderungen der Menschen, ihrer Begegnungen, ist es die Sprache, die mir ungemein zusagen. Es ist ein Gefühl von „einfach hinein ins (Lese-)Abenteuer, ohne zu wissen, wie es enden könnte“. Das Lesen ist so, als ob man viele lose Fäden aufsammelt in der Hoffnung, daraus am Ende ein ansehnliches Kleidungsstück zu erhalten.

Auch Horn und Kovacs ergeht es ebenso – das ist nur konsequent :-).

Dass Hochgatterer in seinem Zivilberuf Psychiater ist, erschließt sich aus jeder Zeile seines Romanes. Wie er das Innenleben seiner Charaktere beleuchtet, wie er ihre Gedankenwelt beschreibt, das ist wirklich greifbar, zutiefst menschlich gewissermaßen. Hier gelingt es dem Wissenschaftler Hochgatterer in ganz außergewöhnlicher Weise, seine Profession ebenso verständlich wie nachvollziehbar mit Hilfe der Feder des Schriftstellers Hochgatterer zu erklären. Nie wird es zu viel, immer schwingt es mit, das Verstehen der Beweggründe, die einen Menschen zu seinem spezifischen Handeln führen (wobei Verstehen nicht immer gleichzeitig auch Verständnis bedeuten muss), der Blick hinter das Sichtbare.

Rund um das Verschwinden der kleine Elvira dreht sich das Geschehen. „Verschwinden“ wird es genannt, weil auch einige Tage später noch immer keine Nachricht, kein Lebenszeichen kam, man also nicht weiß, ob es eine Entführung ist, ob Elvira davon gelaufen ist oder einen Unfall hatte. In welche Richtung soll Kommissar Kovacs ermitteln, wenn jeglicher Hinweise und jegliche Spur fehlen. Wie passen die alten Menschen dazu, denen man Gewalt angetan hat, die sich aber weigern, darüber die Wahrheit zu sagen – in der psychiatrischen Abteilung versuchen Horn und seine Mitarbeiterinnen vergeblich zu den alten Menschen vorzudringen. Was hat das Flüchtlingsbetreuungszentrum damit zu tun, in dem eine obsure Sicherheitsfirma mit dem zweideutigen Namen A18 unzweifelhaft ein fremdenfeindliches Regiment führt. Und die Rückblicke auf das Erziehungsheim in der Burg, in dem damals die Erzieher und Erzieherinnen ihre Macht gegenüber den eigentlich Schutzbefohlenen unbarmherzig ausübten.

Nur einige der Vorkommnisse, die alles sehr verwirrend und undurchsichtig machen.

Aber, das kann ich verraten und versprechen: es lohnt sich, durch diese Verwirrungen hindurch zu lesen, denn am Ende wird im Rückblick darauf vieles ganz klar sein. Vieles, aber nicht alles. Einiges wird in beinahe verstörender Weise ungeklärt übrig bleiben.

Genauso übrig bleiben wie das Gefühl, ein Buch voller Tiefgang gelesen zu haben. Es ist beeindruckend und berührt; doch ein ganz vollständiges Kleidungsstück wird aus den Fäden auch am Ende nicht; es bleiben Lücken, vieles bleibt zu meinem Bedauern unerklärt … wenn ich es bedenke, dann verhält es sich damit wohl genauso, wie bei unserem Umgang mit anderen Menschen.



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