Christian Klinger: Das Don Juan Gen

verfasst am 24.12.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Klinger, Christian, Romane

Ich fange jetzt einmal nicht mit dem Inhalt, sondern mit der Verpackung an: das Cover ist, sagen wir … überraschend! Ist das eine Art menschlicher Hybrid? Was kommt da auf die Leserin/den Leser zu? Einer von diesen gerade so modischen Sado-Maso-Schmökern? Ein schwülstiger Erotikthriller? Knapp daneben; ein kleiner Tipp: lassen Sie sich nicht auf allzu viele Spekulationen in diese Richtung ein und überlegen Sie erst nach der Lektüre, in welche Abteilung sie dieses Buch einreihen wollen!

Es trifft ihn ein typisches westliches Zivilisationproblem:  das, was er sich als Ziel gesetzt hat, ist eingetroffen – tolle Ehefrau, reizende Kinder, gut bezahlter Job, schickes Auto (Marke bulliger Geländewagen für den Stadtverkehr), Reihenhaus in bester Lage – es ist alles da, was man zu einem guten Leben braucht und noch ein bisschen mehr; und war macht ER? ER denkt darüber nach, warum er jetzt, wo er das Angestrebte erreicht hat, mit der ganzen Situation unzufrieden ist, was ihm fehlt.

Einerseits, weil er tatsächlich unzufrieden ist, aber wahrscheinlich auch deshalb, weil man sich so als Mann nicht einfach aus dem Kreis der Midlife-Crisis und Selbstzweifel-Gepeinigten ausschließen kann/darf/will. Denn die tauchen in einer gewissen Altersklasse vermehrt auf.

Sein Freund Werner, der ist schon einen Schritt weiter, hat als Ausweg aus seiner Unzufriedenheit schon eine aussereheliche Affäre als Lösung gefunden. Er, Fabian, aber hat da seine Skrupel, flieht sogar vor der ersten sich bietenden Gelegenheit zu einem Seitensprung – mit Sicherheit auch, weil die sie schnell und unverhofft daherkam und vielleicht auch, weil es wohl viel zu einfach war.

Und dann kommen noch Veränderungen in seiner Firma dazu, deren Ausgang Fabian bestenfalls voraussehen, leider aber nicht beeinflussen kann. Kurzum: Fabian sieht sich an einem Abgrund und kann aus eigener Kraft weder vor noch zurück. Erfreulich, dass man sich in einer solch verfahrenen Lage professionelle Hilfe holen kann. Und Freund Werner hat auch schon die richtige Adresse parat; DEN Psychoanalytiker, den Mann der Fabians Leben wieder auf Vordermann bringen kann.

Dass dieser Psychoanalytiker Anhänger einer etwas eigenartigen Theorie ist, kommt Fabian anfangs überhaupt nicht seltsam vor, so sehr begeistert er sich schon bald dafür. Denn was soll falsch an der Behauptung sein, dass es ein “Don-Juan-Gen” gibt? Man muss anscheinend nur den richtigen Schalter finden, um es zu aktivieren (man kennt die Konsequenzen daraus ja aus dem Alltag: manche Männer können problemlos jede Frau ansprechen, anderen bricht der Angstschweiß aus und die Stimme versagt…).

Und ist es einmal aktiviert, geht man bestimmter, selbstgewusster, unwiderstehlicher und damit glücklicher durchs Leben! Nun, das wird sich erst herausstellen, aber zu Veränderungen kommt es zweifelsohne.

Gerade weil es in diesem Buch so viele Elemente gibt, die aus dem täglichen Leben bekannt sind, will es zügig gelesen werden. Man trifft dabei auf Momente, die man so oder so ähnlich schon selbst erlebt hat und auf Situationen, bei denen man wirklich wissen will, wie Fabian aus seinem Schlamassel herausfindet.

Dazu kommt, dass Christian Klinger einen so einnehmenden Tonfall findet, dass man sich kaum losreissen kann, hat man einmal mit dem Lesen begonnen. Man wird schmunzeln, lächeln, manchmal laut auflachen, manchmal unverständig den Kopf schütteln. Man wird Fabian verstehen, so lebensecht ist er beschrieben. Man wird mit ihm leiden, grübeln, granteln, sich für ihn schämen und sich mit ihm freuen.

Für einige wird Fabian ein Leidensgenosse sein, für andere ein Fallbeispiel, das man mit Interesse studieren kann, für andere …  nun, lesen sie einfach selbst. Für alle aber wird Fabian Schneider eine Figur sein, die wahrhaft lebendig ist.  So wie das ganze Buch.

Wie er schon die Figuren Alfons Seidenbast und Marco Martin mit Leben und Charakter erfüllt hat, so gelingt es ihm hier mit Fabian Schneider: Christian Klinger jenseits des Krimis-Genres ist eine literarische Entdeckung, man unbedingt selbst machen sollte.


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