Simon Mawer: Die Frau, die vom Himmel fiel

verfasst am 12.11.2012 von | 1 Kommentar
Rubriken: Mawer, Simon, Romane

Auch Jahrzehnte nach dem Ende des 2. Weltkrieges gibt es immer noch bislang ungehörte und unerzählte Geschichten über Menschen, die damals ihr Lebens einsetzten, um mitzuhelfen Europa von den Nazis zu befreien.  Viele von ihnen arbeiteten im Geheimen, und ihre Erfolge, ihre Schicksale fanden sich, wenn überhaupt, nur in den Fußnoten der Geschichtsbücher.

Der britische  Autor Simon Wawer beschreibt in “Die Frau die vom Himmel fiel” am Beispiel der Geschichte der jungen Engländerin Marian Sutro, die Gruppe jener Frauen, die in den Jahren 1941 – 1944 hinter den deutschen Linien in Fankreich für die Französischen Sektion der britische SOE (Special Operations Executive) im Einsatz waren. Es waren 50 Agentinnen, von denen 12 in die Hände der Deutschen fielen und ermordet wurden. Vorbild für die Figur der Marian Sutro ist eine Agentin mit dem Decknamen “Colette”, die nach 1943 für die Sektion in Frankreich tätig war.

Die Frau, die vom Himmel fiel

Marian Sutro – Vater Engländer, Mutter Französin – wuchs vor dem Krieg in Genf auf, spricht neben ihrer Muttersprache Englisch auch perfekt Französisch. Ein Umstand, der den Militärs nicht entgeht, sucht man doch im Jahr 1943 nach Freiwilligen, die die Resistance in Frankreich unterstützen können.

Die Aussicht nach Frankreich, vielleicht sogar nach Paris zu kommen macht es Marian einfach, sich der Organisation anzuschließen. Denn in Frankreich lebt noch immer Clement, ihre große Jugendliebe, mit dem sie seit Ausbruch des Krieges keinen Kontakt mehr halten konnte.

Sie durchläuft eine Spezialausbildung, mit der sie auf alles vorbereitet wird, was einen Widerstandskämpfer im besetzten Frankreich erwarten könnte. Dabei ist absolute Geheimhaltung die höchste Priorität, selbst ihren Eltern muss sie ihre wahre Aufgabe verschweigen. Ihr Aufgabe, so glaubt sie zuerst, die es sein soll, im Süden Frankreichs die dortigen Widerstandgruppen zu unterstützen.

Bis sie eines Tages, es ist kurz vor dem geplanten Abflug nach Frankreich, von einem zweiten, noch wichtigeren Auftrag erfährt. Sie soll Clement aufsuchen und ihn davon überzeugen, nach England zu fliehen. Denn Clement ist Physiker, der an hochgefährlichen Technologien arbeitet, die wichtig für die Alliierten sind, den Deutschen aber keinesfalls in die Hände fallen dürfen. Mit dem Flug über dem Nachthimmel in Frankreich endet dieser erste Abschnitt des Buches.

Bis hierhin war es eine sehr detailfreudige Beschreibung des Tagesablaufes der Rekrutin Marian, man liest über ihre Ausbildung in verschiedenen Trainingslagern, über ihre Familie, über ihr Verhältnis zu ihrem Bruder Ned und zu dem jungen Franzosen Benoit, der, annähernd im gleichen Alter wie sie, ebenso wie sie selbst auf dem Weg ist, nach Frankreich in einen geheimen Einsatz zu gehen. Viele Details, aber man erfährt nicht allzu viel über das Leben zu jener Zeit, über die Zustände in England während des Krieges; man wähnt sich in diesem ersten Drittel fast wie in der Einleitung zu einem Abenteuerroman.

Operation TRAPEZ

Trapez: der Deckname der Operation (und übrigens auch der Titel der Buchausgabe in den USA). Ein Symbol dafür, wie sehr sich Marians Welt nun ändert ist die Zyankali-Kapsel, die man ihr vor dem Abflug in London in die Hand drückt.

Unter ihrem Decknamen beginnt Marian im südlichen Frankreich ihre Arbeit für den Untergrund und schon bald kommt der Befehl, nach Paris aufzubrechen. Für ihre MitstreiterInnen soll sie in die Hauptstadt reisen um zu überprüfen, ob eine dortige Zelle des Widerstandes noch aktiv ist. Es ist dies gleichzeitig auch der Start für ihren Geheimauftrag, von dem niemand aus ihrer eigenen Gruppe erfahren darf: Clement von einer Flucht nach England zu überzeugen. Für Marian ist die Reise nach Paris der Aufbruch ins Unbekannte. Ein Aufbruck ohne die Gewissheit einer sicheren Rückkehr.

Mit der Landung auf französischem Boden verändert sich der Charakter des Buches. Ab nun wird nicht mehr nur einfach über die Ereignisse berichtet, ab nun liest man mehr und mehr spannungsgeladene Kapitel.

Einen Pageturner nennt man das sehr knackig und treffend im Englischen  (und der Verlag hebt in seiner Pressemitteilung auch genau das hervor).  Dafür gibt es ja leider im Deutschen keinen vergleichbar markigen Begriff, es muss also die Langfassung her:

Sobald man das erste Drittel hinter sich gelasssen hat, wird es schwer fallen, das Buch aus der Hand zu legen; die Ankunft in Frankreich ist eine Art Initialzündung für die Handlung. So eindringlich, so spannend, so direkt und persönlich ist man nun mit Marian in Frankreich unterwegs, man begleitet sie bei ihren Aufträgen, man teilt ihre Ängste und Gedanken. Man spürt ihre Angst vor der Entdeckung und ihren Mut, mit dem sie ihre Aufträge ausführt.

Das besetzte Frankreich ist von einem kaum durchschaubaren Geflecht von geheimen Organisationen durchzogen. Wer Freund, wer Feind ist, lässt sich oft nicht eindeutig bestimmen und jederzeit muss man mit Verrat rechnen. Marian gewinnt mehr und mehr an Sicherheit in diesem Verwirrspiel, bei dem der Einsatz immer das eigene Leben ist. Eine Garantie, dabei nicht in eine Falle zu tappen gibt es trotzdem nicht. Und für sie gibt es auch in der Liebe keine Sicherheit, die sie zwischen zwei Männern schwanken lässt.

Das Ende ist abrupt, überraschend, ja fast brutal, denn man hat keine Zeit, sich beim Lesen darauf vorzubereiten. Unvorhersehbar, wie jene Zeit in Fankreich es war.

Wer ist Simon Mawer?

Simon Mawer wurde 1948 als Kind eines Soldaten der Royal Airforce in England geboren und wuchs u.a. in Zypern und Malta auf. Sein Werk umfasst bisher acht Romane, viele davon internationale Bestseller; zwei seiner Romane wurden für den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt, den Booker-Preis, nominiert. Mawer lebt heute in Italien.

Wie dieses Buch in das Gesamtwerk des u.a. mit “The Glass Room” im Jahr 2009  zum “Man Booker Prize” nominierten Autors einzuordnen ist, das kann ich mangels Kenntnis seiner anderen Romane nicht beurteilen. Persönlich aber finde ich den Beinahe-Preisträger Mawer weitaus lesbarer, spannender, interessanter als die Gewinnerin jenes Jahres (Hillary Mantel – Wölfe).

Bis dato wurde erst eines seiner Bücher ins Deutsche übersetzt (zumindest habe ich nicht mehr gefunden), was nach der Lektüre von “Die Frau, die vom Himmel fiel” wohl nur als Versäumnis bezeichnen kann. Denn ansonsten wurden viele  seiner Bücher in beinahe allen europäischen Sprachen übersetzt, ja selbst in China gibt es eine Ausgabe von “The Glass Room”.

Dieses Buch

Dass dieses Buch nun übersetzt wurde ist ein Glücksfall. Mawer spannt einen bis zum Zerbersten gespannten Bogen über eine Handlung, die so ziemlich alles mitbringt, was man sich von einen Thriller erwartet.

Denn genau das ist dieser Roman: ein Thriller aus der Zeit des Widerstandes gegen die Deutschen Besatzer in Frankreich; der Blick auf einen kleinen Ausschnitt dieses Kampfes. Und das alles auf sehr hohem Niveau!


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  UCW am 13.11.2012 um 13:27 Uhr Uhr

    Danke für den Tipp!

    Mit gefällt die Mischung aus aktuellen Büchern und Klassikern auf diesem Blog!

    Viele Grüße
    literatur-internet.de

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