Dave Eggers: Die Parade

verfasst am 29.05.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Eggers, Dave

Zwei Männer mit dem Auftrag, vom Süden in den Norden des Landes eine neue Straße zu asphaltieren. Die beiden Landesteile leben erst seit kurzer Zeit in Frieden, der Bürgerkrieg zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden hat tiefe Spuren hinterlassen. Die beiden Männen nennen sich Vier und Neun, zur Sicherheit verwenden sie nicht ihre richtigen Namen, denn man weiß nie, was in so einem fremden Land passieren kann.

Mit der neuen Straße soll eine neue Gemeinsamkeit entstehen, eine große Parade ist zur Eröffnung geplant, bei der der Präsident aus dem Norden in den Süden fahren wird. 12 Tage und etwas mehr als 200 Kilometer liegen vor Vier und Neun – und weil der Zeitpunkt der Parade schon längst feststeht, bleibt wenig Zeit für unvorhergesehene Verzögerungen, die Straße muss zum vorgegebenen Termin in jedem Fall fertig sein.

Stunden- und tagelang sitzt Vier alleine in der Fahrerkabine seiner Asphaltiermaschine, während um ihn herum Dinge geschehen und zu sehen sind, die für ihn keinen klaren Sinn ergeben. Herauszufinden, was passiert, ist ihm nicht möglich, das verhindern zum einen die Vorschriften der Firma, keinen Kontakt mit der Bevölkerung aufzunehmen und andererseits der Umstand, dass er die Sprache des Landes nicht versteht.

Die Sprache würde Neun verstehen, seine Aufgabe ist es, auftretende Schwierigkeiten zu beseitigen, um die Strecke für die Maschine frei zu halten. Doch Neun hält sich nicht an die Vorschriften der Firma, er verschwindet immer wieder, lässt sich mit dem Bewohnern ein und erledigt seinen Teil der Arbeit zunehmend nachlässig und ist dann gänzlich unauffindbar.

Das weite Land, die Spuren des zurückliegenden Bürgerkrieges, die befremdlichen Ereignisse: Vier beginnt in der Einsamkeit seiner Fahrerkabine, sich zu alldem seine Gedanken zu machen und wird von seiner eigenen Phantasie auf alle möglichen Irrwege geführt. Seine Stimmung schwankt von Angst um sein Leben, beim Zusammentreffen mit Einwohnern, deren Vorhaben er nicht einschätzen kann, zu Wut auf seinen so unzuverlässigen und gedankenlosen Mitarbeiter, der ihn alleine lässt, anstatt Schwierigkeiten auszuräumen, bis zu Stolz auf über seine erfolgreiche Arbeit, wenn er hinter sich auf den schnurgeraden Asphaltstreifen blickt.

Alles in allem fehlen Vier aber die Parameter, hier, in diesem fremden Land, seine Eindrücke einordnen zu können. Die daheim gelernten Rahmenbedingungen gelten hier nicht, das Leben läuft ganz anders ab. Alles nach den eigenen Maßstäben einzustufen, muss damit unweigerlich zu Irrtümern führen, wenn nicht zu Schlimmerem.

Vier und Neun sind die Hauptdarsteller eines Romanes über Missverständnisse, Unwissenheit und Vorurteile.

Man könnte diese Geschichte, quasi als Experiment, auch umgekehrt denken, wenn es dann aber wohl nicht um die Errichtung einer Straße gehen würde. Wenn nämlich diejenigen, die von anderswo zu uns kommen, auf unsere Lebensweisen stoßen, die ihnen fremd und unwirklich erscheinen werden. Wenn sie mit Gesten und Ritualen konfontiert werden, die in ihrer Heimat etwas völlig anderes bedeuten können.

„Die Parade“ erzählt fulminat und sehr konkret, ohne es dabei direkt anzusprechen, vom Einfluss und von der Wirkung dessen, was der Westen in den Entwicklungsländern bewirken, zugleich aber auch anrichten kann. Wenn der Einblick in die wirklichen Umstände fehlt, dann kann sich Gut-Gemeintes schnell in Zerstörerisches wandeln. Dann wird aus der Hilfe, die wir aus unserer Sicht als positiv verstehen, eine neue Lage entstehen, die nicht mehr kontrollierbar ist. In welche Richtung sich die Zukunft bewegt mag dann von winzigen Einflüssen abhängen, die wir im Moment ihres Auftretens nicht einmal erkennen.

Es bleibt viel, über das man nachdenken kann, nachdem man dieses Buch gelesen hat.



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