Martin Walker: Schatten an der Wand

verfasst am 01.11.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Walker, Martin

Ein Roman aus der Zeit vor Bruno: Martin Walker verfrachtete seine Charaktere auch schon ins Perigord, bevor er dort seinen „Chef de Police“ erschuf. Vor 10 Jahren im englischen Original erschienen, bringt der Diogenes-Verlag nun erstmals eine deutschsprachige Übersetzung von „The Caves of Périgord“ heraus.  Und da stellt sich die Frage, ob der Verlag damit nur die Erfolgswelle der „Bruno-Reihe“ nützen will, oder ob dieser Roman wirklich lesenswert ist.

Es passiert ja gelegentlich, dass unter dem Aspekt des „Reste-Verwertens“ alles Geschriebene auf den Markt geworfen wird, was ein Autor/eine Autorin jemals zu Papier gebracht hat. Bei diesem Roman von Martin Walker muss man sich aber eher andersrum fragen: warum ist dieser nicht schon viel früher bei uns erschienen.

Die Geschichte dreht sich um ein offensichtlich prähistorisches Kunstwerk. Eine Steinmalerei, wie man sie aus den Höhlen von Lascaux kennt, jedoch von einem bislang anscheinend unbekannten Fundort.

Der Stein taucht in einem Londoner Auktionshaus auf und erweckt sogleich das Interesse mehrere Historiker. Bevor man sich aber an die Untersuchung machen kann, wird der Stein gestohlen. Von einem Insider, wie man annehmen muss, denn der Diebststahl geschah schon kurz, nachdem die Existenz des Artefaktes bekannt wurde.

Das, was nun folgt, hat ein wenig von Indiana-Jones-Abenteuerromantik, historischem Roman und modernem Thriller. Von London aus zieht es die Historiker und den Besitzer des Steines nach Frankreich. Ins Perigord, wohin die spärlichen Spuren führen, die jener Mann hinterlassen hat, der viele Jahrzehnte zuvor seinen Fund aus Frankreich mit nach England brachte.

Und es geht noch weiter zurück: 17. Jahrtausende zurück in die Zeit, als die Höhlenmalereien entstanden.

Es ist der reizvolle und spannende Aspekt dieses Romanes, wenn man liest, wie sich die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten zuerst in einer Region, dann vielleicht sogar an einem einzigen Ort zusammenstreben. Ohne voneinander zu wissen, getrennt durch die Zeit aber doch durch die Ereignisse über die Jahrtausende hinweg miteinander verbunden. So, als würden an einem einzigen Ort gleichzeitig verschiedene Zeitebenen ablaufen und man von den anderen nur einen Schemen erkennen könnte (so etwas gibt es wirklich, man kennt es aus Raumschiff Enterprise und Stargate :-).

Beim Diogenes-Verlag muss sich jemand auch so etwas gedacht haben, als er/sie aus dem Originaltitel „The Caves of Périgord“ aus welchem Grund auch immer  „Schatten an der Wand“ machte. Apropos Diogenes-Verlag: diesmal holpert es mehrmals bei Satzstellung und auch bei historischen Fakten – ganz als ob man, sehr untypisch für diesen Verlag, beim Lektorat etwas zu überhastet zu Werke gegangen wäre.

Im Gegensatz zu den Bruno-Romanen stehen in diesem Buch nicht die Lebensweise und die Landschaft des Perigord im Vordergrund. Hier geht es um Menschen aus den unterschiedlichsten Gegenden der Welt, die der Zufall/das Schicksal nach Frankreich führen bzw. geführt haben. Natürlich, ein wenig Flair darf nicht fehlen, aber allzuviel davon wäre jenen Teilen der Handlung, die zu Zeiten der Resistance spielen, sowieso fehl am Platz. Und vor 17.000 Jahren gab es das sowieso alles noch nicht.

Drei Zeitalter, ein Brennpunkt:

Die Cro-Magnon-Zeit, in der Mythen und Aberglauben die Menschen beherrschten, als sich aber auch die ersten Strukturen von Macht und Herrschaft zeigten. Als die Menschen mit ihren Höhlenzeichungen ein Zeichen für die Ewigkeit setzten, das bis heute nicht zur Gänze verstanden wird.

Frankreich zur Zeit des 2. Weltkrieges, als die Regeln des Zusammenlebens, der Ehre und der Menschlichkeit nur sehr schwer einzuhalten waren. Als in den Wirren des Kampfes gegen die Deutschen Besatzer vieles geschah, das man nun, viele Jahrzehnte später, lieber im Dunkel des Vergessens belassen möchte.

Das 21. Jahrhundert, in dem Geld und Einfluss gegen Verantwortungsbewusstsein und Moral antreten. In dem sich die Frage stellt, was selbst hochrangige Politiker mit dem Diebststahl des Steines zu tun haben. In dem jemand durch ein längst vergessen geglaubtes Ereignis in Bedrägnis gerät.

Man weiß, dass alle drei Handlungsstränge einem – wie auch immer das über die Jahrtausende hinweg gehen soll – gemeinsamen Brennpunkt zusteuern. Aber eine Ahnung, was das sein kann, hatte ich bis zum Schluß nicht.

Obwohl Martin Walker doch recht geduldig die Handlung aufbaut und sich – wahrscheinlich aus Rücksichtnahme auf eine beschauliche französische Lebensart – mit der Entwicklung der drei Handlungsebenen ausreichend Zeit lässt: langweilig wird es keinesfalls, ich fand das Buch von Anfang an interessant und mit zunehmender Seitenanzahl spannend.

Ein Roman, der es schafft, für einige wirklich sehr unterhaltsame Stunden zu sorgen!
Eine äußerst positive Überraschung!

Zum historischen Hintergrund:



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