Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame
Eine tragische Komödie

Die Uraufführung dieses ersten großen und weltweiten Erfolges von Friedrich Dürrenmatt fand im Jänner 1956 in Zürich statt. Aktuell ist eine vom Autor selbst erstellte Neufassung aus dem Jahr 1980 in Buchform erhältlich.

Das kleine Städtchen Güllen nahe der deutsch-schweizerischen Grenze, eine einst stolze und wohlhabende Stadt, ist völlig verschuldet. Nun klammert man sich verzweifelt an die letzte große Hoffnung: Den Besuch der alten Dame Claire Zachanassian, die in ihrer Jugend selbst in Güllen lebte und nun durch das Erbe ihres Mannes, eines armenischen Ölscheichs, zur Milliardärin wurde.

Sie ist auch, wie sich später herausstellt, verantwortlich für die finanzielle Misere Güllens. Von der alten Dame, die mittlerweile mit Ehemann Nr. 7 unterwegs ist, erhoffen sich die Bürger der Stadt eine Finanzspritze, die Güllen wieder auf die Beine helfen soll. Ihre Jugendliebe Alfred III, ein Krämer, soll sie bei ihrem Besuch unterhalten und in Spenderlaune bringen.

Für Alfred III ist diese Aufgabe denkbar ungünstig, denn er hatte sich in seiner Jugend von seiner damaligen Freundin, der alten Dame, abgewandt, als diese von ihm schwanger war, und sie durch eine Falschaussage an den Rand des sozialen Abgrundes getrieben. Entehrt, wehrlos und arm musste Klara Wäscher ihre Heimat verlassen, verlor ihr Kind und wurde zur Prostituierten, wo sie den armenischen Scheich kennenlernte.

Dies wird ihm jetzt zum Verhängnis, denn die alte Dame erklärt, sie wolle den Güllenern nur dann eine großzügige Geldspende zukommen lassen, wenn sie sich dafür „Gerechtigkeit“ und „totale Rache“ erkaufen kann, sprich das Recht, Alfred III tot zu sehen. Zunächst lehnen die Bürger den Vorschlag „im Namen der Gerechtigkeit“ entrüstet ab, doch bald wird die Gier nach den dringend benötigten Geld stärker als alle moralischen Hemmschwellen. Sie beschließen Alfred III zu töten.

Alfred weiß, dass alle gegen ihn sind. Der Bürgermeister bringt eines Tages Alfred ein Gewehr und bittet ihn sich das Leben zu nehmen. Alfred lehnt ab. Während einer Stadtversammlung beschließen die Bürger einstimmig, Alfred Ill für seine Tat zu bestrafen und ihn umzubringen.

Als Alfred bei der Versammlung eintrifft, machen die Anwesenden den Weg frei und bilden eine Gasse für ihn, dann geht plötzlich das Licht aus. Als der Raum wieder erleuchtet ist, liegt Alfred tot am Boden. Der Stadtarzt gibt als offizielle Todesursache einen Herzinfarkt an.

Claire lässt den toten Alfred in den mitgebrachten Sarg legen und übergibt dem Bürgermeister einen Scheck über eine Milliarde. Daraufhin verlässt die alte Dame die Stadt.

Das tragische an dieser Komödie ist die Entwicklung der Charaktere. Die Bürger Güllens, die sich im Laufe der Geschichte von ehrlichen, menschlichen Personen zu einem mordbereiten Mob entwickelt. Dem gegenüber steht Alfred III, der sich als einziger entpuppt ein sittliches Bewusstsein zu haben.

Die alte Dame erscheint als Herrscherin über Leben und Tod. Vor langer Zeit von der Liebe enttäuscht wartet sie geduldig auf ihre Rache, auf den richtigen Moment um die Bürger Güllens auf Alfred III loszulassen. Die Aussage: „Mit Geld kann man jeden kaufen, alles eine Frage des Preises“ wurde zum Nachteil von Alfred III bestätigt. Die Bürger der Stadt werden zum willenlosen Werkzeug für die alte Dame, die eigentlich nur das eine will: Alfreds Tod und diesen auch bekommt.

Das Stück zeigt auf, wie weit es bereits mit unserer Gesellschaft gekommen ist. Jeder kann mit genügend Geld zu allem überredet werden. Davon abgesehen ist dieses Werk eine sehr gute Lektüre und ist sehr spannend geschrieben.



Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top