Gerd Schilddorfer: Falsch

verfasst am 05.09.2012 von | 1 Kommentar
Rubriken: Schilddorfer, Gerd, Thriller

Ein rasanter Ritt quer durch die Zeit und über die Kontinente: das hat der von ihm als Soloautor verfasste Thriller „Falsch“ mit Schilddorfers Koproduktion mit David Weiss gemeinsam. Verzichten muss man aber auf das Duo Sina & Wagner, deren Rolle als „Indiana Jones-Nachfolger“ nimmt der Pilot John Finch ein.

Es beginnt in den Wirren der Oktoberrevolution in Sankt Petersburg. Das ist aber nur der erste von vielen Brennpunkten dieser Geschichte. Die Schweiz, München, Moskau, Sibirien, Kolumbien und Brasilien, der Amazonas-Regenwald  – und dann natürlich eine kleine Enklave in der Nähe des Toplitz-Sees *) bei Bad Aussee  – sind nur ein paar der weiteren Brennpunkte. Schilddorfer spielt routiniert mit schnellen Handlungsschnitten in Raum und Zeit. Dieses Stilmittel fand sich auch schon in der Ewig-Narr-Teufel-Trilogie und wird jetzt das tragende Element der Spannung dieses Buches (alle paar Seiten ein Cliffhanger, sozusagen).

Dass auch der Toplitzsee *) vorkommt ist ein untrügliches Zeichen: (beinahe) kein Verschwörungsthriller, der auf sich hält, kommt ohne geheimnisvolle Relikte oder Vermächtnisse aus der Zeit Nazideutschlands und der SS aus.

Im Dschungel des Amazonas setzt der gewaltsame Tod eines alten Mannes eine Folge von Ereignissen in Gang, deren Sinn nur drei weitere Männer kennen. Doch die Nachricht, die der alte Mann mit einer letzten Kraftanstrengung noch auf die Reise schicken kann, erreicht nicht immer ihr Ziel. Es ist eine Nachricht, die vor vielen Jahrzehnten zusammengestellt wurde (dass es sich um eine so alte Nachricht handelt erkennt man ganz einfach daran, dass sie von Brieftauben verbreitet wird und nicht über ein Social Network). Und es ist zu viel Zeit ist vergangen, um noch alle Empfänger lebend anzutreffen.

So kommt es zwangsläufig zu einigen Verwirrungen bei zunächst ahnungslosen Empfänger, die nicht wissen können, dass damit der Startschuss für lebensbedrohende (ja vielleicht sogar weltbedrohende?) Vorgänge gefallen ist.

John Finch (siehe oben: Jones, Indiana) übernimmt von einem der noch lebenden Empfänger den Auftrag, die anderen zu suchen.

Mysteriös und verwirrend genug? Ja, so geht es die ganze Zeit dahin beim Lesen: ein Hinweis hier, eine Spur dort und dabei weiß man immer, dass noch mehr dahinter steckt und will man voller Ungeduld wissen, was als nächstes kommt. Wirklich spannend gemacht!

Ich glaube mich erinnern zu können, dass die Autoren Schilddorfer & Weiss bei der Präsentation des ersten Bandes ihrer Trilogie auch Dan Brown als Vorbild angaben (kann mich jetzt aber auch irren, in Bezug auf ein Verkaufszahlen-Vorbild  liege ich aber sicher richtig!). Wie sich in der Zwischenzeit heraus gestellt hat, hatte Dan Brown leider nur eine geniale Idee und die dann bis jenseits ihrer Lebensdauer ausgeschlachtet.

Bei Gerd Schilddorfer ist das keinesfalls so, ganz im Gegenteil: dem Thriller-Genre bleibt er zwar treu, doch Handlung und Aufbau der Geschichte sind neu und viele, für meinen Geschmack  sogar viel zu viele, neue Ideen bilden die Ausgangsbasis für diesen Roman. Es ist ein wahres Ideen-Feuerwerk, das sich da entwickelt und wenigstens in dieser Beziehung hat er damit, zumindest bei mir, den Herrn Dan Brown überholt.

Apropos Ideenfeuerwerk: bei seinem Ritt durch Raum und Zeit vergaloppiert sich der Autor aber auch öfters. Schon um der Geschichte folgen zu können, bekommt an eine enorme Menge an Informationen geliefert, die man sich zum Verständnis der Handlung merken sollte. Wenn dann zusätzlich noch seitenweise (für die Handlung) Nebensächliches ausführlich erzählt wird, dann ist das ebenso verzichtbar wie verwirrend. Die gute Nachricht: es ist meistens recht problemlos möglich, solche Abschnitte einfach zu überblättern.

Man hätte gut und gerne 150-200 der ingesamt rd. 670 Seiten des Buches einsparen können und trotzdem wäre kein Funken der Spannung verloren gegangen, im Gegenteil, man hätte dafür sogar noch etwas Schwung gewonnen und sogar einen Teil der Ideen für ein anderes Buch verwenden können.

Kein literarisches Kunstwerk (aber das wird wohl auch nicht der Anspruch gewesen sein) dafür aber ein durchaus respektabler Spannungsroman – macht Spaß! Und weil es ja hauptsächlich um Spaß und Spannung geht, kann man auch über die – gar nicht so selten auftretenden – Hoppalas und unglaublichen Zufälle bei Handlung, Personen, Hintergrunddaten und Geografie hinwegsehen (und hoffen, dass das bei einem eventuellen Nachfolge-Thriller besser wird).

Empfehlenswert für alle Fans von leichter Verschwörungsthriller-Kost, in der sich die Heldinnen und Helden mit geheimnisvollen Kräften (Verbindungen, Sekten, Geheimbünde und -dienste, verlorene Schätze, alles mögliche eben…) aus ferner oder naher Vergangenheit herumschlagen müssen.

PS: muss der einzige Schweizer mit einer Hauptrolle im Buch denn gleich „Zwingli“ heissen? Es heissen ja nicht alle Wiener „Edmund“.

PPS  habe nachgesehen: Brieftauben werden so ca. 10-12 Jahre alt. Wie sich das mit dieser Lebensspanne alles ausgeht, habe ich nicht verstanden.

*) für jene, die noch nichts vom Toplitzsee im Salzkammergut gehört haben: das ist so etwas wie das Österreichische Loch Ness. Nur dass Nessie bei uns kein Urzeitmonster sondern ein versteckter Nazi-Schatz sein soll.


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  • Kommentar von  Karl Katz am 01.09.2013 um 14:29 Uhr Uhr

    Alles, was mir an „Teufel“ nicht gefallen hat – nur mehr davon.

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