Nathanael West: Miss Lonelyhearts

verfasst am 31.08.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, West, Nathanael

Achtung! Konzentration! Denn falls man sich nicht wirklich auf dieses Buch konzentriert, dann wird man sich darin heillos verirren. Ist man jedoch bei der Sache, dann liest man sich mitten hinein in einen Roman, der zwar Szenarien aus den 1930er beschreibt, mit Leichtigkeit aber auch als Beschreibung von Szenarien der 2010er durchgehen könnte (mit ein paar wenigen Anpassungen, aber doch).

Dass das  hier nichts wird mit so nebenher lesen, das war mir schon nach den ersten Absätzen klar. Die musste ich nämlich gleich nochmals lesen, hatte ich doch beim ersten Mal gar nichts verstanden. Dann aber war alles bereit für einen Roman, wie er zeitgeistiger und zeitloser kaum sein könnte.

Miss Lonelyhearts ist der Kummeronkel einer Zeitung im New York der 30er-Jahres des vergangenen Jahrhunderts. Also so etwas wie ein Vorfahre von Dr. Sommer (dessen Schöpfer Martin Goldstein gestern verstorben ist). Miss Lonelyhearts ist in der Redaktion angestellt quasi als die Recyclinganlage für alles Seelische. Und es ist wahrhaft kaum zu glauben, was da tagtäglich an Briefen hereinkommt.

Eine Unmenge an Leuten glaubte anscheinend schon damals, dass man anonym bliebe, wenn man nur beim Schreiben alleine in einem Raum säße. Damals waren es Briefe (wer nicht weiß, was das ist, soll bei Wikipedia nachschlagen) heute gibt es für alles, was keinesfalls irgendjemand ausser den engsten 10-12.000 Freunden erfahren sollte, die sozialen Netzwerke als diskrete Infobörsen.

Bevor jetzt ein falscher Eindruck entsteht, muss ich aber schnell wieder zum Buch zurück schwenken: das ist nämlich nicht humorvoll, lustig oder amüsant – das ist einfach nur BÖSE! BITTERBÖSE!

Was die Medienleute dem dankbaren (und ahnungslosen) Publikum in ihren Druckwerken servieren, das mag sich wie Engagement, Mitgefühl, Interesse, ja vielleicht sogar wie Journalismus lesen. Doch alles kommt aus der Feder, aus den Gedanken von Leuten, die von reinem Egoismus und Narzismus getrieben sind. Und dabei eine manchmal kunstvoll, manchmal mühsam aufgebaute Fassade vor sich hertragen. Nathanael West schreibt über eine Zunft, für die das Wort Scheinheiligkeit extra erfunden worden wäre, hätte es das nicht vorher schon gegeben.

Ehrlich wird es dabei nur, wenn sie sich nach getaner Arbeit in einer Bar volllaufen lassen, in einem Puff herumhuren oder in gemeinsamer Runde ihren Vorurteilen und Ressentiments und sexistischen Fantasien lautstark freie Bahn lassen.

Warum mir ausgerechnet jetzt – gewissermassen als heutiges Pendent zu den 1930er Journalisten – die 2010er Investmentbanker und die Schüssel-Haider-Ära-Politiker einfallen? Keine Ahnung! Vielleicht aber wegen dieses gemeinsamen krassen Gegensatzes von Sein und Schein?

Und wie passt Miss Lonelyhearts in diese scheinheilige Welt? Einerseits glaubt er, als Sohn eines Pastoren, fest an die Allgegenwärtigkeit von Jesus Christus. Und gerät damit andererseits augenblicklich in ein dauerhaftes Dilemma: hier der Glaube und da sein reales Leben, das mit den Begriffen „Gottlos“ und „Sündig“ recht exakt zu definieren wäre. Oder wie sollte man es sonst bezeichnen, wenn er sich zB. vom Äquivalent eines Groupies anbaggern und prompt zum Sex hinreissen lässt? Wie sonst, wenn man Menschen, anstatt ihnen seine Zuneigung oder Mitgefühl zu zeigen nur noch kalten Zynismus entgegen schleudern kann?

Aber immer ist der Teil seines Ichs, der fest im Glauben verankert ist, zu stark um alle Skrupel fallen zu lassen. Wie soll also einer mit diesem Zwiespalt ein gutes Leben führen können?

Ein Strudel, aus dem ein Herauskommen kaum möglich erscheint. All die Briefe, die er lesen musste, all die wirklich leidenden und alle die eingebildet gestörten Menschen, die ihm ihr Unglück vor die Füße warfen. Sein christlicher Teil gebietet ihm Mitgefühl und verhindert das Vergessen. Das wird ihn für immer begleiten. Und es macht ihn für immer krank. Bis zu seinem Tod.

Manchmal schüttelt es einen beim Lesen, manchmal läuft einem die Gänsehaut über den Rücken. Und am Ende bleibt mir unklar, wie ich dieses Buch einordnen und bewerten soll.

Ich weiß nur, dass es in keine der üblichen Genre-Schubladen passt, das ist zu viel von zu Vielem drinnen. Und ich weiß, dass ich eine sehr aussergewöhnliche Erzählung gelesen habe – eine, die mich beeindruckt hat – eine, die man nicht versäumt haben sollte.



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