Edith Wharton: Zeit der Unschuld

verfasst am 19.10.2015 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Wharton, Edith

Es war für mich nicht ganz einfach, dieses Buch zu lesen. Edith Warthon schildert das Leben der Schönen und Reichen, der gesellschaftlichen Oberschicht – der Upper Class New Yorks, beginnend in der Mitte des 19ten Jahrhunderts; so wie die beschriebene Lebensweise, so ist dann manchmal auch der Roman: er verläuft in absehbaren Bahnen.

Einige wenige Familien dominieren das Gesellschaftsleben. Man trifft sich zum Dinner, auf Theaterabende folgen Bälle, auf Bälle folgen Dinner, folgen Theaterabende … Meistens sind die Clans auch miteinander verwandt, verschwägert. Mir erschien es, als ob die Menschen sich in einer Zeitkapsel befänden, eingeschränkt in ihren Konventionen: Der tägliche Ablauf ihres Lebens wiederholte sich stetig; die vorgeschriebene Etikette wurde peinlichst genau eingehalten; die Wertigkeit der Frauen ließ sehr zu wünschen übrig; Männer erwarteten von ihnen nur, in Gesellschaft zu glänzen.

Es gab aber auch wenige Ausnahmen, die dieses starre Gefüge durchbrechen wollten. Wie Newton Archer, verlobt mit May Welland, der in ihr mehr als nur ein solches „Gesellschafts-Geschöpf“ sah.

Newland wollte die Hochzeit mit der zauberhaften May vorverlegen. Stieß mit seinem Anliegen aber auf Ablehnung. Nachdem Archer sich in Ellen verliebt hatte, sah er diese Ablehnung als Chance, die Verlobung zu lösen und sein Leben mit Ellen zu verbringen. Doch dann offenbarte ihm ein Telegramm seiner Verlobten, dass die Hochzeit doch vorverlegt werden soll. Es wurde eine prächtige Hochzeit. Für Newland Archer wohl nicht.

Seine Gedanken waren indes bei Ellen Olenska, der Cousine seiner Frau. Ellen war nach ihrer Heirat mit einem polnischen Grafen wieder nach New York zurückgekehrt. Als sie die Scheidung möchte, findet sich Ellen bald im Zentrum von allerlei Tratschereien, denn so etwas war eine schiere Unmöglichkeit zu jener Zeit. Man verzieh zwar Seitensprünge, auch noch uneheliche Kinder, aber Scheidung, nein, in diesen feinen, dekadenten Kreisen war das total verpönt. Und dann lebte Ellen auch noch in einer eher unfeinen New Yorker Gegend. Und sie umgab sich mit teilweise merkwürdigen Menschen.

Das Eheleben von May und Newland bedeutete anerserseit, genau das zu machen, was ihr gesellschaftlicher Status von ihnen verlangte. Eine langweilige, nach außen hin glücklich erscheinende Ehe. Newland musste sich eingestehen, dass es für Ellen und ihn keine Zukunft gab. Sowohl der New Yorker Gesellschaft als auch seiner Frau waren die von der Beziehung zwischen Newland und Ellen durchaus bekannt, gesprochen wurde darüber natürlich nicht.

So nimmt alles seinen vorbesimmten Lauf: May und Newland werden Eltern von drei Kindern, Ellen lebte ihr Leben in Frankreich, sie kehrt nie wieder zu ihrem Grafen oder nach New York zurück

Für mich ist „Zeit der Unschuld“ eine rührende Geschichte, fallweise versehen mit einem Schuss Ironie. Doch leider fehlen mir Spannungselemente, etwas worauf das Geschehen zustreben kann. Der Text plätschert in seiner schönen Sprache so dahin, abschnittsweise langatmig, denn für meinen Geschmack zu oft gleichen sich Inhalt (die monotone Lebensweise) und Form (ein Roman ohne Höhepunkte) einander an.

„Zeit der Unschuld“ ist zusammengefasst ein Gesellschaftsroman, der tiefe Einblick in jene Zeit erlaubt, mir inhaltlich aber nur teilweise gefallen hat. Dennoch war er für mich lesenswert: die schöne Sprache hat mich überzeugt.

Edith Warthon entstammt der Gesellschaftsschichte, die sie in ihrem Buch beschreibt – sie weiß also ganz genau, worüber sie schreibt; für diesen Roman erhielt sie, als erste Frau, im Jahr 1921 den Pulitzer Preis.


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