Georges Simenon: Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

verfasst am 20.07.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Simenon, Georges

Der Tote, den man im Hotel fand, logierte hier regelmäßig schon viele Jahre lange. Bekannt war er also Monsieur Clement, Pensionär, aber abgesehen davon wusste man so gut wie nichts über ihn. Man wusste vor allem nicht, dass er ein Doppelleben führte, für das er seiner Familie daheim das Bild eines fleissigen Handlungsreisenden vorspielte – eben das des Monsieur Gallet.

So findet sich Maigret zuerst auch nicht wirklich in diesem Fall zurecht. Auf der einen Seite der Mann, der unter falschem Namen Monat für Monat ins Hotel kam und dort seinen verborgenen Tätigkeiten nachging. Auf der anderen der Ehemann und Vater, der eine unglaubliche Charade aufführte, bis hin zum erfundenen Briefverkehr mit seinem angeblichen Arbeitgeber (bei dem er in Wahrheit schon seit Jahrzehnten nicht mehr beschäftigt war).

Maigret sammelt Informationen, sichtet Spuren und Hinweise, doch gewinnt bei ihm mehr und mehr das Gefühl die Oberhand, das in dieser Sache, auch abseits des Mordes, einiges auch sonst nicht stimmt.o also ob das von Gallet inszenierte Versteckspiel mit dessen Tod noch lange nicht geendet hätte.

Und natürlich stellt sich eine Frage: wie konnte der Ermordete sein Doppelleben, das Leben seiner Familie und eine recht stattliche Villa finanzieren? So ganz ohne feste Anstellung.

Nie werde ich mich so richtig an die Krimis aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewöhnen können. Polizisten steigen nicht in ihren Wagen (obwohl Autos in den 1930ern eigentlich schon genügend herumfahren) sondern nehmen den Zug (mit dem dann auch Zeugen und Verdächtige transportiert werden), um Informationen einzuholen schreibt man einen Brief (und erhält schon nach wenigen Tagen briefliche Anwort!), man telefoniert zwar, ist aber nur über das Hotel erreichbar.

Eine Zeit, in der noch das Hirn des Kommissars entscheidend war und nicht Technik und Laborergebnisse.

Genau damit ist Maigret beschäftigt: nachzudenken und im Kopf die Puzzlesteine zusammen zu fügen. Und genau deshalb lässt es sich so wunderbar mitraten, keine DNS-Untersuchung kann die Gedanken der Leserin/des Lesers überholen, kein Email ist schneller als die eigenen Schlussfolgerungen, man ist immer genauso weit in der Ermittlung wie der Kommissar – schielt aber natürlich immer wieder zu dessen aktuellen Erkenntnissen, weil man ja weiss, dass Maigret ein Profi ist. Und stellt dabei fest, dass Maigret ein paar Lösungen aus dem Hut gezaubert hat und gibt sich geschlagen.

Ansonsten merkt man diesem Krimi ein wenig an, dass Simenon bei diesem 2. Maigret-Roman noch ein wenig mit dem Aufbau der Figur des Kommissars und seiner Handlungen beschäftigt war. Beide – Autor und Held – waren damals eben noch jung und hatten noch viele Jahrzehnte vor sich.


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