Kurt Palm: Die Besucher

verfasst am 05.02.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Palm, Kurt, Romane

Der Journalist Martin Koller liegt nach einem Gehörsturz in Wien im Krankenhaus. Er kann nicht schlafen, die Geräusche in seinem Kopf treiben ihn im wahrsten Sinn des Wortes in den Wahnsinn. Gehörsturz, so der Arzt, kommt von zu viel Stress. Als weitere Diagnose wird ihm ein Burn-Out zugeschrieben. Dazu kommt erschwerend, dass Martins Frau Paula mit 37 Jahren plötzlich draufkommt, dass sie endlich Mutter werden will und degradiert ihn in der Phase ihres Eisprunges zum Erzeuger. Erschwerend für seinen Zustand kommt dazu, dass seine Mutter im Sterben liegt. Aus dem Krankenhaus entlassen, mit höllischem Lärm im Kopf, reist Martin nach Schwarzmoos, um vorübergehend die Pflege seine Mutter zu übernehmen, solange seine Schwester Barbara auf Kur ist. Doch dann beginnt erst der wahre Wahnsinn.

Nach dem Spitalsaufenthalt stürzt Martin aufgrund der nervenaufreibenden Ohrgeräusche in eine tiefe Depression. Die verschriebenen Medikamente dämmen nicht den Lärm in seinem Schädel, aber sie führen zu Impotenz. Die anderen Nebenwirkungen sind für ihn vernachlässigbar. Martins Kopf droht zu zerspringen, jedes noch so unangenehme Geräusch lässt ihn höchst aggressiv werden. Wut, Enttäuschung und Angst peinigen ihn. Er vernachlässigt sein Äußeres. Paulas Wünsche eine Familie zu gründen und die lärmende Umwelt lassen ihn mit dem Gedanken spielen, sich eine Pistole zu besorgen und alle Lärmenden zu töten. Letztendlich würde er sich die letzte Kugel selbst in den Kopf jagen.

Martin Koller bekommt auch beruflich Probleme. Ein junger Kollege soll in seinem Spezialgebiet – das rechtsextreme Milieu – recherchieren. Dieser Umstand erschwert Martins Befindlichkeit zusätzlich.

Trotz all dieses Irrsinns fährt Martin in den Ort seiner Kindheit zurück, um seiner Mutter am Sterbebett beizustehen. Dort ist er mit ihr ganz alleine zuhause. Doch das ändert sich schnell. Es tauchen Besucher auf, die das ganze Haus belagern. Sie sind überall und nehmen mit ihren grauen Wolldecken alle Räume, vom Keller bis zum Dachboden, in Beschlag. Diese dunklen Gestalten bleiben, bis Martins Mutter stirbt. Dann machen sie sich wieder auf den Weg. Doch zu diesem Zeitpunkt hat Martin der Wahnsinn längst schon eingeholt.

Das Buch ist genial und extrem spannend. Das Thema Angst zieht sich quer durch den Roman. Ängste über Tod und Impotenz, beruflichem Versagen, Krankheit, Angst vor dem Verlassen werden und wahnsinnig zu bleiben. Dass der Protagonist mit diesem Thema ständig bei sich selbst im Kopf bleibt, mit niemanden darüber spricht, verleiht beim Lesen des Buches eine ganz eigene Stimmung. Lesenswert!


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