Heinrich Steinfest: Die Haischwimmerin

Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, auf dessen Umschlag vorne das Wort „Kriminalroman“ steht, dann wird man sich wohl in den allermeisten Fällen auf Spannung, Rätsel, Räuber und Gendarm freuen. Wenn dann allerdings zusätzlich noch „Heinrich Steinfest“ vorne auf diesem Buch steht, dann weiß man, bzw. sollte man wissen, daß man das jetzt alles nicht so genau sagen kann. Daß hinter dem Wort Kriminalroman zuweilen auch eine etwas breiter aufgestellte Handlung folgt.

Weiß man das, dann wird man sich nur ganz wenig wundern, wenn gleich zu Beginn von Orten und Personen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und von Pilzen, Tieren und Pflanzen die Rede ist. Das gehört dann irgendwie hierher. Ist ja Steinfest (es könnte also durchaus auch in Richtung zB. Science Fiction gehen; oder ganz was anderes).

Weil es also mit dieser zeitlichen Einteilung im Vorspann los geht, möchte ich bei meinem Buchbericht ebenfalls so vorgehen und beginne mit dem ersten Teil, der Vergangenheit: in der Lilli Steinbeck und Ivo Berg einander in Rom kennenlernen, ein Paar werden, ein Kind erwarten und in den Ort Giesentweis im Schwäbischen umsiedeln. Nicht zu vergessen, dass Lilli auf dem Weg dorthin auch 2 Buchstaben zurück bekommt. Wo es dann doch anders kommt, Ivo dort sesshaft wird und sich fortan den Bäumen widmet und Lilli, kinderlos geblieben aber nun mit markanter Nase, weiter zieht (nach Wien und anderswo).

Umweigerlich folgt nun in die Gegenwart, in der ein Auftrag den in den vergangenen 20 Jahren zum Baumflüsterer gewandelten Ivo nach Irgendwohin verschlägt. Als Robert Redford der Botanik, wenn man so will (Redford auch wegen seiner ausgezeichneten Kontakte zu den Damen der Gegend). Sein Auftrag also ist es, für eine Pharmafirma ein Exemplar der Dahurischen Lärche von der nordwestlichen Seite des Dschugdschurgebirges nach Bremen zu holen. Hmm? Was? Ach so, ja, das ist da irgendwo in Sibirien. Die Lärche soll nämlich die Quelle für ein Allheil-Mittel sein (Zitat S. 106: „Ein Wundermittel?“ „Es gibt keine Wunder, nur Mittel“).

Neben dem Jungen Spirou, der fortan dort sein Begleiter und Dolmetscher sein wird, Galina, die für die Suppen sorgt, nichts spricht und hört und um fünf Uhr morgens unter der Dusche steht, trifft er wenig später auch auf einen unheimlich dicken Mann, der sich in einer Sänfte im Gebirge herum tragen lässt. Kallimarchos, der Grieche, vormals Detektiv, nun unverwundbar – wie man sagt – kreuzt irgendwo dort den Weg des Trios. Er weiß wie man Toad’s Bread findet und ist überdies dorthin unterwegs. Was wiederum den weiteren Fortgang der Geschichte für Ivo, Spirou und Galino ganz wesentlich beschleunigt.

Die Gegenwart ist, das weiß man, eine derart vergängliche Angelegenheit, daß immer schon bald die Zukunft folgt. Aus der Gegenwart dorthin gerettet hat sich ein tiefes Loch mit einer ganzen Stadt darin. Beides zusammen nennt sich Toads Bread und ist einerseits ein altes Sowjet-Überbleibsel und andererseits ein ganzer Stadt-Staat mit Verbrechern und Entwurzelten aus allen Kontinenten als Einwohner. Das mag gefährlich klingen, aber wenn so ein Konglomerat von solchen Menschen an einem Ort nur so unter sich ist, geht es überraschend geordnet zu, ja es gibt sogar verbotene Verbrechen.

Abgesehen von einem Mörder, der dort unten umgeht. Mörder jagen, das überlässt man doch der Polizei und wenn möglich der besten aus der Branche: Lilli Steinbeck. Zu ihr, Ivo und Kallimarchos gesellt sich mit Kommissar (endlich ein krimi-typisches Wort) Yamamoto jemand, der die Aufgabe hat als ortsansässiger Polizist die Morde zu klären. Hier, im dritten und letzten Teil, gibt es Tatorte, Ermittlungen, eine Gerichtsmedizin –  es hat nun sogar ein wenig von „Kriminalroman“; aber so ein wenig.

In jedem Absatz spürt man Steinfests Lust am Formulieren, am Ideen ausbreiten, am Schreiben, am Erzählen, am Phantasieren, am Erfinden von Gedanken. Im Gegensatz zu einigen seiner anderen Büchern aber schweift Steinfest hier nicht vom Hundertsten ins Tausendste ab, sondern nur, na sagen wir ins Zweihundertfünfzigste. Alles bleibt damit innerhalb des sowieso breit genug dahinfließenden Erzählstromes (wo man es doch von Steinfest auch haben kann, dass er unvermittelt ganz woanders hin springt, nur um dann, wie vom Gummiband zurückgeholt, wieder am vorherigen Punkt zu landen).

Dass es (das Herumspringen) in diesem Buch fehlt, das macht daraus (aus dem Buch) eine runde Sache und kommt damit meinem absoluten Steinfest-Favoriten „Wo die Lowen weinen“ schon sehr nahe. Nahe, aber nicht ganz hin, aber immer noch weit ausserhalb/oberhalb/jenseits der Reichweite der großen Masse der Bücher. Jedenfalls ist des Schriftstellers kreative Freude derart ansteckend, dass auch das Lesen die reinste Freude und unheimlich inspirierend war.

  • PS: man könnte seitenweise daraus zitieren.
  • PPS: Damit man nicht erst suchen muss: Short Ride in a Fast Machine
  • PPPS: Die Sache mit der „Haischwimmerin“ muss ich überlesen haben.


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