E.L. Doctorow : Billy Bathgate

verfasst am 14.08.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Doctorow, Edgar Lawrence, Romane

Wie man es so kennt (aus Film, Funk und Fernsehen):  New York in den 1930er Jahren, ein Gangster, ein Kübel mit Zement um seine Füße, der East River…  nun, den Rest darf ich wohl als bekannt voraus setzen. Mit dabei ist Billy Bathgate, der einzige der vielen Jungs aus seiner Strasse in der Bronx, der es schaffte, in den Dienst den Gangsterkönigs Dutch Schultz aufgenommen zu werden.

Billy Bathgate, das ist nicht sein richtiger Name, so nennt er sich, seit er zur Gang von Dutch Schultz gestossen ist, sein Gangstername gewissermaßen. Seinem Boss fiel er erstmals ins Auge, als er, wie er das damals immer tat, irgendwelche Gegenstände durch die Luft jonglierte, eine Fertigkeit, die ihn von den anderen Kindern der Gegend unterschied. Schutz sah ihn, winkte ihn zu sich heran und steckte ihm 10 Dollar zu – ein kleines Vermögen zu dieser Zeit.

Für Billy ist es der Beginn eines Weges. Zuerst sucht er nur die Nähe der Gang, dann schummelt er sich unter einem Vorwand ins Büro und dort, Frechheit siegt, spielt er den etwas erstaunten Gangstern eine kleine Szene vor, die ihm prompt so etwas wie die Stelle eines Gangsterlehrlings verschafft – Billy ist dabei und von da an ganz nahe beim Boss.

In Otto Berman, dem Buchhalter der Gang, findet er einen Mentor, einen, der sich um sein Aussehen und seine Kleidung kümmert, ihm immer wieder etwas Geld zusteckt und ihn mit kleinen Jobs versorgt. Und auch Dutch Schultz hält mit der Zeit große Stücke auf ihn, „ein gescheiter Bursche, der wird es noch zu etwas bringen“. Was wohl nur heissen kann, dass Billy früher oder später ein paar der wirklich wichtigen Jobs zu erledigen hat. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Wir sind noch dort, wo Dutch Schultz das, anscheinend ganz normale, Gangsterschicksal der 1930 Jahre ereilt: wegen eines Mordes, einer Erpressung oder etwas ähnlichem bekommt man sie nicht zu fassen, aber die Sache mit der Steuerhinterziehung ist meistens ein Treffer. Nun, auch bei Dutch Schultz trifft das ins Schwarze und diese Sache bringt ihn vor Gericht. Das geschieht aber nicht, ohne dass vorher die Anwälte einen bombensicheren Deal ausverhandelt haben, der unter anderem auch die Verlegung des Gerichtsortes aus New York heraus in ein kleines Provinznest vorsieht.

Schultz stellt sich dem Prozess und die ganze Gang zieht für längere Zeit aufs Land, inklusive Billy und inklusive Drew Preston, der Freundin des Bosses. Drew und Billy, die beiden jüngsten in der Mannschaft – da ist eine Romanze fast schon vorprogrammiert, doch mit der Freundin des Bosses, da sollte man besser nichts anfangen. Trotzdem wird das eine Sache, bei der Billy, obwohl noch nicht einmal vollwertiges Mitglied der Gang sondern immer noch der „Lehrling“, erstmals ein wenig mangelnde Loyalität dem Boss gegenüber zeigt.

Billy erzählt seine Geschichte aus einer zukünftigen Perspektive (man stelle sich, nur einmal so hypothetisch, folgende Szene vor: verdunkelter Raum, schwere Ohrensessel, heisere Stimme – das kennt man ja von Marlon Brando). Wie es begann und warum es begann. Mit seiner Erzählung wird die Welt der Gangster, der Gangs, der damaligen Zeit wieder real. Beim Lesen versteht man wie das Leben damals war, wie es so war als aufgeweckter Junge in der Bronx ohne allzu viele Möglichkeiten da heraus zu kommen. Welcher Reiz es dann war, für einen der großen Bosse zu arbeiten, welches Gefühl, dabei zu sein, einer von den wichtigen Leuten, denen man in den meisten Gegenden New Yorks mit Respekt begegnete. Welche große Chance das war, vielleicht überhaupt die einzige, die man jemals bekam.

Aber auch, wie die andere Seite dieses neuen, aufregenden Lebens aussah, hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch einer von den Großen zu werden und der Angst und dem Widerwillen, wenn es um die unvermeidlichen Jobs  (also die Sache mit der Zementwanne oder, weniger dramatisch – auch schnell einmal mit einer Pistolenkugel ein Problem zu lösen)  ging.

Und irgendwann sieht Billy ganz klar den Unterschied zwischen der romantischen Verklärung des Gangster-Daseins und der harten und gänzlich unromantischen Wirklichkeit aus Macht, Mord und Gewalt.

Es ist eine sehr einnehmende Geschichte, die Billy erzählt, eine Geschichte, die ich ihm von A – Z geglaubt habe: was er sich dachte, was er erreichen wollte, wie er die anderen sah, was ihn bewegte.

E.L. Doctorow nahm ein Kapitel der jüngeren amerikanischen Geschichte und verwob es in einen erfundenen Rahmen: So waren Billy Bathgate und so war die Zeit, die wir meist nur aus alten Schwarz/Weiss-Filmen kennen, selten aber in einer so detailreichen Schilderung der damaligen Realität mit erlebt haben, wie sie dieser Roman bietet. Hier ist es die Schilderung des realen Lebens und Sterbens von Dutch Schultz, der im Jahr 1935 im Kugelhagel sein Ende fand. Schultz wurde nur 33 Jahre alt, aber in seinem Job war wohl nicht mehr drinnen. Nur Billy Bathgate, den hat es nicht gegeben  (und er sitzt auch nicht in diesem abgedunkelten Raum und während er erzählt, denn er zog ganz andere Lehren aus seiner Zeit als Gangster).

PS: auch fein als Film aus dem Jahr 1991 (mit Dustin Hoffmann und Nicole Kidman).

PPS ein Tip: beim Lesen Frank Sinatra hören – passt perfekt!


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