E.L. Doctorow: Homer & Langley

verfasst am 20.05.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Doctorow, Edgar Lawrence, Romane

Ein paar Stunden lang saßen wir beisammen: Homer Collyer erzählte und ich hörte zu. Doch seine Stimme wurde mit der Zeit immer leiser und am Ende verstummte sie.

So kam es mir vor: als ob der blinde Homer Collyer sein Leben erzählte, ein Leben, das auch die Wendungen, Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Ein Leben, das er gemeinsam mit seinem Bruder Langley lebt, Brüder, die immer mehr in ihrer eigenen Welt aufgehen sich dabei immer weiter von der wirklichen Welt, der draussen vor dem Haus, entfernen.

Homer erzählt davon, wie er langsam sein Augenlicht verlor. Viele der Bilder, die er noch selbst gesehen hatte, bleiben ihm für immer erhalten, viele verblassen. Er erzählt davon, wie Langley in den Krieg, den 1.Weltkrieg, zog und als ein anderer Mensch zurück kehrte. Wie ihre Eltern starben, zuerst Vater und dann Mutter innerhalb weniger Wochen, wie Homer alleine zurück blieb im Haus in der Fifth Avenue in New York. Wie er sein Leben ein Zeit lang alleine mit Hilfe der Dienstboten meistern musste und wie der Bruder erst nach seiner Rückkehr von ihrem Verlust erfuhr.

Davon, wie sie gemeinsam durch die Zeit der Depression in den 1920er kamen und durch die Prohibition, davon, wie sie den zweiten Weltkrieg erlebten und wie sie Jahre später, mehr ungewollt, dann aber mit Freude, ein paar Wochen lang die Hippiezeit hautnah erlebten (um nur ein paar Beispiele zu nennen).

Dabei wurde ihr Kontakt mit der Welt da draussen immer loser, nur selten ließen die beiden andere Menschen an sich heran. Langley sorgte für seinen Bruder und wurde dabei immer absonderlicher, paranoid, wie Homer meint. Langley sammelte alles, von den Tageszeitungen über Schreibmaschinen, von Gartengeräten , vom Katzen über Geschirr – einfach alles musste er, kaum hatte er eines davon, gleich in großer Zahl im Hause horten.

Die Art wie Homer erzählt, fühlt sich an, als ob man neben ihm, auf einem dieser von Langley aufgestapelten Bündel von alten Zeitungen, säße und so, mitten in den Labyrinth von Müll, Sammlerstücken und Einsamkeit noch besser verstehen kann, wovon er spricht. Und Langley sieht hin und wieder zur Türe herein, geht wieder und kümmert sich um seine Paranoia.

Das Lesen war für mich ein gänzliches Eintauchen in die Geschichte. Homers Gedanken werden bildhaft, so wie Homer wahrscheinlich auch selbst die Sinneseindrücke in Bilder umwandelt.  Ich habe das Buch gelesen, es ist aber das erste, von dem ich mir vorstellen kann, dass es auch als Hörbuch gleich beeindruckend ist (obwohl ich selbst noch nie irgendein Hörbuch gehört habe..)

E.L. Doctorow nimmt die wahre Geschichte der Collyer-Brüder, dichtet sie um und erzählt sie weiter.  Im Buch erleben sie alle entscheidenden Momente des 20. Jahrhunderts mit – einiges davon könnte wohl genau so gewesen sein, einiges ist nur aus der Phantasie des Schriftstellers entsprungen. Doctorow schenkt den Brüdern Lebenszeit bis weit in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, tasächlich aber starben sie bereits im Jahr 1947.

Aus der Verbindung von beidem – Realtität und Fiktion – entstand eine sehr ergreifende und beeindruckende Erzählung. Eine ruhige, traurige und komische, wahre und erfundene Geschichte, die man unbedingt lesen sollte – oder zumindest hören.

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PS: schon das Foto auf dem Umschlag ist beeindruckend – New York, Central Park im Winter – aus dem Jahr 1933.



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