Naber, Sabina: Die Spielmacher

verfasst am 17.05.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Naber, Sabina

Wien im Spätsommer. Bei einem Schotterteich am Wienerberg wird eine männliche Leiche entdeckt. Fesselung, gezielter Kopfschuss und eine Distel im Mund lassen darauf schließen, dass hier eine regelrechte Hinrichtung vollzogen wurde. Zumal es sich bei dem Toten um den Rechtsaußenpolitiker Peter Pollak handelt.

Aber es gibt Zeugen, zumindest solche, die über den Leichenfund berichten können. Wie die junge Frau, Shirley Bauer, die Maria Kouba nach einer ersten Befragung nach Hause entlässt, damit diese sich für eine spätere Aussage frisch machen und ihren Hund auf die Gasse führen kann. Blöderweise spielt diese Dame doch eine zentrale Rolle und bleibt einmal länger verschwunden.  Den ermittelnden Beamten unter der Leitung von Maria Kouba (die hier ihren mittlerweile sechsten Fall zu lösen bekommt) wird wegen der politischen Brisanz eine Sonderkommission zur Seite gestellt.

Als dann am nächsten Tag ein englischer Lobbyist, der für die internationale Glückspielindustrie tätig wurde, ebenfalls beim Schotterteich ermordet aufgefunden wird, ist den Ermittlern bald klar, dass die Morde weniger politisch, sondern mit dem Glückspiel, das nach einer entsprechenden Gesetzesänderung bald auf nur mehr drei Lizenzen aufgeteilt werden soll, zu tun haben. Der ehemalige Adlatus von Pollak, Treiber,  taucht unter und Maria Kouba begibt sich auf Recherche ins Wiener Spielermilieu, ohne noch zu ahnen, wie sehr das auch mit ihrem Privatleben verstrickt ist.

Denn hier hat sich einiges geändert. Langzeitpartner und Langzeitlustobjekt Phillip Roth ist mittlerweile Koubas Lebensgefährte und man hat eine gemeinsame Tochter, Lilli. Modern und aufgeschlossen wie das Paar ist (oder glaubt zu sein, denn ganz glücklich ist er nicht mit der Situation, der Herr Ex-Partner), verfolgt Maria Kouba weiterhin Mörder und damit ihre Karriere, während Phillip in Karenz bei der Tochter ist. Das Paar kommt immer seltener zusammen und Phillip verbringt seine Nächte mit Bier vor dem Computer. Entweder er sieht Pornos oder er spielt Games oder manchmal etwas anderes.

Maria beginnt eine Affäre mit Woody, einem Kollegen vom BKA und die Ehe steht ab der Mitte des Buches so gut wie vor dem Aus. Auch wenn es in Koubas Gedankenwelt immer noch hauptsächlich um Sex als Thema Nr. 1 geht, hat die Autorin diesmal auf ihre pikanten, langen Sexszenen verzichtet, sondern kommt schnell auf den Punkt (zum Sex – der ist dann aber weniger prickelnd, als man es bei einem Koubaroman gewohnt ist).

Das Buch hat für mich viele Stärken, aber auch einige Schwächen: Nabers Erzählstil ist wie gewohnt flüssig, wobei sie sich meines Erachtens manchmal ein wenig verzettelt. So hat man bei den Konferenzen der Ermittler das Gefühl das Drehbuch für einen Tatort zu lesen. Dann beschreibt Naber manche Randfiguren oft sehr detailliert und stilisiert sie ins kleinste Detail, auch wenn diese Personen keine wesentliche Rolle für den Fall spielen. Das ist zwar schön und zeugt von hohem handwerklichen Können, ist für den Leser aber oft verwirrend. Auch die Ausbreitung der Ermittlungsergebnisse in seitenlangen Dialogen zwischen vielen Personen kann manchmal herausfordernd sein. Für meinen Geschmack wäre es manchmal wünschenswert gewesen, derartige Passagen in einem Absatz zusammengefasst vom Autor erzählt zu bekommen.

Aber das ist Geschmackssache.

Auch die Figur des ermordeten Rechtspopulisten, der unverkennbar die Züge von Haider, Strache und Westenthaler trägt, fand ich nicht unbedingt originell, auch wenn die immer wieder kommenden Anspielungen auf die aktuelle politische Lage sicher so manchen Leser amüsieren werden. Auch einige Rätsel, die von der Autorin geschickt in die Handlung eingeflochten wurden, werden nicht oder zumindest nicht spektakulär gelöst, wie auch der Fall eigentlich relativ bald am Anfang geklärt ist. Jeder weitere Schritt bringt eigentlich nur die Bestätigung des anfänglich geäußerten Verdachts.

Was mir bei diesem Buch andererseits besonders gut gefallen hat, ist die Rolle der Maria Kouba als zerrissene Ehepartnerin und zugleich liebevolle Mutter. Die Stellen mit ihrer kleinen Tochter haben eine besondere Intensität und gehen zeitweilig unter die Haut. Das bringt für mich einen Extrapunkt in der Wertung. Auch die Charakterisierung der Spielsüchtigen zeugt von großem Einfühlungsvermögen.

Nicht klar gekommen bin ich mit den Chat-Passagen, in denen sich Phillip mit seiner in LA lebenden Jugendfreundin austauscht. Damit erhält er zwar ein Podium, um seine Gedankenwelt näher zu bringen und seine Gefühle, wie es ihm mit der Situation geht, mitzuteilen. Ich fand aber die zeitliche Versetzung verwirrend (und auch nicht notwendig), und auch, dass ein paar Informationen vorzeitig an den Leser weitergegeben werden, was dann den Überraschungseffekt nimmt.

Sabina Naber hat mit die „Spielmacher“ ein ebenso aktuelles wie brisantes Thema aufgegriffen, lenkt aber leider mit zu viel Beiwerk von der an sich spannenden Handlung ab.



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