Laher, Ludwig: Verfahren

verfasst am 27.02.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Laher, Ludwig, Romane

Jelena Savicevic wird in ihrem Heimatland von Albanern mehrfach vergewaltigt. Als Serbin würde sie das Land beleidigen und entehren. Damit finden die Täter ihre Rechtfertigung für die Schändung der jungen Frau, die drei Tage und Nächte andauert. Ein Bauer, der mit seinem alten Traktor ins nächste Dorf unterwegs ist,  findet Jelena zusammengekrümmt im Straßengraben liegen, leise wimmernd.  Sie landet nach der Akutstation in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie.  Dort wird sie von einer Ärztin auf die Idee gebracht, über die grüne Grenze nach Österreich zu fliehen und um Asyl anzusuchen. Damit beginnt ein Spießrutenlauf gegen das fremdenfeindliche österreichische Fremdenrecht.

Die behandelnde Ärztin, Dr. Milanovic meint zu Jelena eher als Überlegung, dass jemand wie sie in Europa trotz aller Verschärfungen der Asylbestimmungen reelle Chancen zum Bleiberecht hat. Die schweren und gut belegbaren Traumatisierungen würden es praktisch unmöglich machen, sie eiskalt retour zu schicken. Außerdem gäbe es bessere Behandlungsumstände und Therapien. Die große räumliche Entfernung von den Quellen ihrer Traumata und der daraus resultierenden Angst würden sich für einen Heilungsprognosen ebenfalls als günstig erweisen. Vielleicht wäre es Jelana auch möglich, sich nach gesundheitlicher Stabilisierung, beruflich weiterzubilden.  Dr. Milanovic meint, Jelena würde das große Abenteuer bestehen, über die grüne, aber bewachte Grenze nach Österreich zu gelangen.

Jelena, die mit ihrem Leben nicht mehr zurecht kommt und versucht hat, sich mit einer Flasche besonders aggressiven WC-Reinigers selbst ins Jenseits zu befördern, anschließend in der Psychiatrie landet, selbst am Schlussmachen gescheitert ist und sich damit ihren letzten Rest Selbstachtung ausgetrieben hat, begreift erst nach Wochen,  dass die Ärztin dies nicht theoretisch meint, sondern ein konkreter Vorschlag ist.

Dass dann ein weiterer Hürdenlauf für sie beginnt, damit hat sie nicht gerechnet. In Österreich ist sie mit einem höchst menschenfeindlichen Fremdenrecht konfrontiert. Unmittelbar nach illegaler Einreise wird sie in Schubhaft genommen.  Andere inhaftierte Frauen raten Jelena in den Hungerstreik zu treten, um aus der Schubhaft entlassen zu werden oder das Verfahren wenigstens zu beschleunigen.

Jelena wird aus der Schubhaft entlassen, kommt in eine Flüchtlingspension und das Bundesasylamt bearbeitet ihr Verfahren.  Abgelehnt am Bundesasylamt als erste Instanz geht das Beschwerdefahren weiter zum Asylgerichtshof, in dem es immer um Ermessensentscheidungen geht, selbst die EMRK erscheint in den konkreten Fällen zahnlos. Ermessen gründet sich nicht auf Müssen, und dieser Ermessenspielraum bietet Raum für Entscheidungen,  die die Betroffenen arg in Bedrängnis bringen. So wird vielen Beschwerdeführer Asyl verwehrt, und erst nach jahrelangem Aufenthalt in Österreich werden sie in ihre Herkunftsländer abgeschoben.

Laher: S. 36 „Und für diejenigen, denen dort, wo sie herkommen, wirklich eine ernste Gefahr droht, hat man dann vor lauter In-einen-Topf-Werfen überhaupt kein Gespür mehr. Es gibt hierzulande quer durch alle Gesellschaftsschichten leider mehr als genug Zeitgenossen, die nicht im geringsten bereits sind, zwischen generalstabsmäßig reisenden Mitarbeitern des organisierten Verbrechens auf Beutezug und, sagen wir, verfolgten Menschenrechtsaktivisten aus einer afrikanischen oder arabischen Diktatur zu  unterscheiden.

Gut, wer das Glück hat, massive staatliche Repression idealerweise mit einer größeren Menge von wasserdichten Originaldokumenten plus zusätzlich hübschen Folterspuren auf seinem Körper nachweisen zu können, der hat immer noch verhältnismäßig gute Karten, auch wenn selbst in solchen Fällen haarsträubend judiziert wird, aber dem heimischen Gesetzgeber stünde es, finde ich, allemal gut an, der unbestreitbaren Tatsache wesentlich umfassender Rechnung zu tragen, dass brutale ethnische oder religioöse Verfolgung heutzutage in instabilen Ländern grausamer Alltag ist.“

Die Justiz handelt in einer – für Fremde wie Einheimische – nahezu unüberschaubaren Vielfalt von auslegungsbedürftigen und reichlich kommentierten Kodizes.  Die Einheimischen schimpfen schon mal gerne über „die da oben“.  Über ihre Eigenheiten und ihre Skandale. Manche kritisieren auch diese Gesetzesvertreter.

Der Autor merkt dazu auch an: „Aber die Justiz und ihre Vertreter sind nicht aus sich selbst entstanden, sondern als demokratische Widerspiegelung  eines kollektiven Bewusstseinszustandes längst entsolidarisierter Individuen. Und der hat mehr mit Angst und Berechnung zu tun, als mit Bosheit. Alle paar Jahre wird ihre Welt in den Wahlkabinen rituell bestätigt.“

Kritischer Roman über das Schicksal einer jungen Frau und dem Umgang der österreichischen Asylpolitik mit ihren menschenverachtenden Repressalien. Grauslich!



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