Ludwig Laher: Und nehmen was kommt

verfasst am 17.10.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Laher, Ludwig, Romane

Monika, eine Roma,  wächst Mitte der 1980iger in der sozialistischen Tschechoslowakei in äußerst armseligen Verhältnissen auf. Als Kind erlebt sie einzig im Kindergarten schöne Abwechslung. Es gibt dort reichlich Essen und viel Spielzeug. Zuhause gibt es in Wasser eingeweichtes Brot oder Kartoffeln. Die tristen familiären Umstände veranlassen das Jugendamt, Monika in ein Kinderheim zu stecken. Entwurzelt von Familie und ihrer Kultur beginnt ein Albtraum für das junge Mädchen. Sie landet auf dem größten Straßenstrich Europas…

Im Kinderheim werden die Kinder eher verwaltet, obwohl das Personal durchaus bemüht ist, ein Mittelmaß zwischen Autorität, Zuwendung und Förderung zu finden.

Monika Sehnsucht nach der Umgebung von früher, nach der Großmutter, verblassen. Was aber bleibt ist eine unermessliche Sehnsucht nach der Mutter. Diese kündigt zwar einen Besuch vor Weihnachten an, doch dann erfährt Monika, dass die Mutter bereits seit Wochen verstorben und begraben ist.

In der Nacht weint sie viel, sie weiß nicht wie es weitergehen wird. Die Bedeutung der Mutter wächst durch den unmittelbaren Verlust. Das brutale Verlassenwerden ohne Abschied schmerzt tief. Und Monika kultiviert diesen Schmerz. Sie beginnt sich mit Glasscherben am Unterarm zu schneiden. Dadurch lässt kurzfristig der Schmerz in ihrer Seele nach.

Ihr junges Leben gerät total aus den Fugen, zur Autoaggression mischt sich äußerst provokatives Verhalten mit eruptiver Gewalttätigkeit gegen andere. Als schwer Erziehbare eingestuft wird sie in eine geschlossene Anstalt eingewiesen. Das neue Heim ist im Prinzip wie das alte. Dort lehrt sie niemand, wie man im Leben zurechtkommt. Niemand warnt das Mädchen vor dem scheinbar schnellen Geld auf dem Straßenstrich. Es wird ihr kein brauchbares Rüstzeug mitgegeben, um in der Welt außerhalb von Institutionen überleben zu können. 

Nach Erreichung des achtzehnten Lebensjahres kann Monika das Heim verlassen. Sie tappt in die erstbeste Falle.  Es tritt ein, wovor sie die ganze Zeit unendliche Angst gehabt hat. Es gibt keinen sanften Übergang an einem geschützten Ort, an dem sie sich in ihrer neu erlangten Freiheit und die damit verbunden Schwierigkeiten einleben könnte. Monika trifft sich mit Zuzanna, einer ehemaligen Mitbewohnerin des Heimes, hat ihre ersten Drogenerfahrungen und wird in das Sexgeschäft eingeführt. 

Auf dem größten Straßenstrich Europas gelandet helfen ihr Speed und Alkohol, sich schnell mit dem Sexgeschäft zu arrangieren. Sie verachtet die Männer, doch auf Drogen muss sie sich nicht lange überwinden, den alternden Miststücken ihre Wünsche zu erfüllen. Ja sie tritt sie mit ihren Stiefeln auf Wunsch hin, ungehemmt, bis sie winseln. 

Was kaum jemand zu kümmern scheint, sind ihre zahlreichen Schnittnarben und Tätowierungen. Manche Freier nehmen diese wahrscheinlich als Dekoration eines verruchten Lebenswandels zur Kenntnis, wie das zu einer dominanten, dunklen Nutte halt auch passt. Kaum jemand ahnt, dass dieser Körper eine verstörende Geschichte haben könnte.

Nach und nach wird durch Misshandlungen, Gewalt und Demütigungen vieler Männer die Persönlichkeit der jungen Romni fast zerstört. Bis Phillip, ein Kunde, auftaucht und ihr einen Ausweg anbietet. Monika versucht diese Chance zu ergreifen, beginnt, sich  neuerlich vor Verrat und Betrug fürchtend, gefangen in ihrem Misstrauen und ihren Ängsten, einen neuerlichen Versuch des Absprungs.

Dieses Buch geht wirklich unter die Haut!
Ungeschminkt und nicht effektheischerisch beschreibt der Autor die tragische und beklemmende Geschichte einer jungen Frau, eingebettet in die Kultur der Roma und der brutalen Diskriminierung Menschen anderer Hautfarbe und anderer Herkunft!



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