Khardra, Yasmina: Wovon die Wölfe träumen

verfasst am 14.01.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Khandra, Yasmina, Politik, Romane

Für viele Menschen, auch für mich, ist der islamische Terrorismus schwierig bis gar nicht nachzuvollziehen. Der Autor (er benutzt als Pseudonym den Namen seiner Frau) leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis dieses Phänomens. Und er tut das in Form eines erschreckend guten Romans.

Schauplatz Algerien. Ein junger Mann mit Namen Nafa wächst in der Kasbah von Algier auf. Er ist gut aussehend und charmant und möchte gerne Schauspieler werden. Es gelingt ihm sogar, eine kleine Rolle in einem Film zu erhalten. Dabei bleibt es aber leider auch.

Bitterarm verdingt er sich als Chauffeur für eine reiche Familie. In Algerien sind die Klassenunterschiede enorm: Hier die Reichen, die sich tatsächlich (zumindest laut Buch) scheinbar alles erlauben dürfen – dort die Armen, die Dienstboten, denen kaum die Existenzberechtigung zugestanden wird.

Nafa ist zu Beginn areligiös. Zur Initialzündung wird ihm ein Erlebnis im Hause seines Arbeitgebers: Der Sohn des Patriarchen holt sich ein junges Mädchen ins Haus, die im Drogenrausch stirbt. Der Leibwächter von „Junior“, wie der Sohn genannt wird, zwingt Nafa dazu, die junge Frau im Wald zu begraben.

Nafa ist erschüttert. Er beginnt, regelmäßig die Moschee aufzusuchen. Nach und nach gerät er immer tiefer in die Fänge von Hasspredigern. Doch noch hält er sich am Rande.

Zu dieser Zeit gewinnen in Algerien die Islamisten immer größere Macht. Auch Nafa kann sich dieser Macht irgendwann nicht mehr entziehen. Zuerst nur Fahrer für eine bewaffnete Gruppe gerät er nach und nach – und je mehr er die Hoffnung in ein besseres Leben verliert – immer tiefer in die Gruppe, ihre Ideologie und den Kampf um die vermeintliche Freiheit.

Letztlich wird er zum Killer einer Islamistentruppe, wird in den Bürgerkrieg verwickelt und lebt mit seinen Männern im Gebirge.

Khardra schildert Aufbau, Strukturen und Machtverhältnisse der Islamistengruppen sehr exakt. Er berichtet über Greueltaten, die die Leserin mehrmals beinahe zum Weglegen des Buches veranlassten.

Dennoch habe ich das Buch ausgelesen. Es vermittelt ein wenig Verständnis, wie ein junger Mensch, alle Hoffnung verlierend den Weg in den Terrorismus geht. Er lebt in einer Gesellschaft, die ihm keinerlei Chancen lässt. Es ist eine fremde, eine völlig andere Welt, als die Welt, in der ich lebe.

Nicht zuletzt deshalb fiel es mir dennoch schwer, dem Weg von Nafa zu folgen. Zu verschieden sind die Welten. Dennoch: ein gutes, ein lesenswertes, wenn auch schwer verdauliches Buch.


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