Buchbesprechung/Rezension:

Daniel Gerlach: Die letzten Geheimnisse des Orients
Meine Entdeckungsreise zu den Wurzeln unserer Kultur

verfasst am 01.10.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Gerlach, Daniel, Geschichte
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Gleich vorab: ein wirklich bemerkenswertes und großartiges Buch, das ich kaum beiseitelegen konnte. So interessant, unterhaltsam, informativ, spannend und aufklärend kann Geschichte niedergeschrieben werden!

Dabei geht es um ein in vielerlei Hinsicht aktuelles Thema: Wie viel Europa und der Nahe Osten, Orient und Okzident gemeinsam haben, wie sehr die Geschichte der Weltregionen Christentum, Judentum und Islam – und deren jeweiligen Abspaltungen – miteinander verknüpft ist und gemeinsame Wurzeln hat; und wie uns dennoch so viel voneinander trennt.

Die Verbindungen und Gemeinsamkeiten finden sich schon an der ersten Station des Buches: der Ort Tataouine im Süden Tunesiens zeigt das in Gegenwart und Vergangenheit. Gegenwart, das sind die Drehorte für die Filmreihe „Krieg der Sterne“, deren Wüstenszenen hier entstanden und deren Kulissen als Sehenswürdigkeit für Touristenzustrom sorgen. Vergangenheit, das sind die Gräber der sieben Heiligen, deren Legende sich durch alle Weltreligionen zieht und die uns auch heute noch als Namensgeber des „Siebenschläfertages“ ein Begriff sind.

Der Journalist und Orientalist Daniel Gerlach ist der Reiseführer durch Nordafrika, den Nahen Osten bis in die Türkei, wo die Reise endet und er ist ein famoser Reiseführer, der mit Leidenschaft und Wissen seine ReisebergleiterInnen mitreißt. Kairo, Petra, Jerusalem, Babylon, Antakya, Ephesos und Istanbul sind einige der Stationen. An jeder der Stationen werden alte Sagen, bekannte und weniger bekannte historische Ereignisse und Berichte der Gegenwart zu spannenden Erzählungen zusammengefasst. Vieles Neues und Erstaunliches lässt sich erfahren und vor allem gewinnt man Einblicke in Orte und Regionen, die wahrscheinlich den meisten von uns, mich eingeschlossen, bislang weitgehend oder gänzlich unbekannt waren.

Kommt man den Menschen dort näher, erfährt etwas über ihre Traditionen und Lebensläufe, dann – wie so oft – findet man heraus, wie viel man mit diesen zuvor so Fremden gemeinsam hat. Über das Verbindende schreibt Daniel Gerlach in den Berichten von den 19 Stationen, die er besuchte. Es ist auch eine Reise durch die Provinzen des alten römischen Imperiums und zu frühen Christenhochburgen, zu den Einflussgebieten aller antiken Reiche von Alexander dem Großen bis Byzanz, von Persien bis Ägypten und zu den alten Mesopotamischen Reichen.

Auch das Trennende beschreibt Daniel Gerlach und davon gibt es ja bekanntlich übermäßig viel – denn für die Menschen im Westen kommen von dort die Terroristen und Fundamentalisten. Das ist natürlich auch Teil der Wahrheit über diese Weltregion (doch sollten wir hier bei uns dabei nicht vergessen, dass unsere eigene Vergangenheit nicht weniger gewalttätig ist und dass wir es in der Gegenwart selbst auch mit Terroristen, und Fundamentalisten zu tun haben, die aus unserer Gesellschaft kommen – wie Rechtsextremisten, Rassisten oder Evangelikale Hassprediger).

Der kulturelle und wissenschaftliche Austausch, wie anhand von vielen Beispielen und Anekdoten beschrieben, dauert schon über Jahrtausende an. Vieles von dem, was für uns selbstverständlich ist, stammt aus dem arabischen Raum (Unsere Zahlen, die Brille, …), umgekehrt beeinflussen unsere Lebensweise und Technik die Menschen im Orient.

Das Buch ist – auch – eine großartige Sammlung von Legenden und Sagen und bei deren Lektüre versteht man, wie einige der heute dominierenden Dogmen der Religionen entstanden. Vieles davon stammt aus dubiosen Quellen, vieles basiert auf erfundenen oder verfälschten Überlieferungen. Wie bei der Bibel, so ist die Entstehung des Koran eine Folge von persönlichen Interessen derjenigen, die ihn niederschrieben; genauso wie die Interpretation des Koran auch heute noch eine Frage persönlicher Interessen und Machtansprüchen ist. Da wie dort ergeben diese Überlieferungen einen wesentlichen Teil des Fundaments der Geisteswelt, wobei es nicht auf den Wahrheitsgehalt so einer Überlieferung ankommt.

Dazu kommt, dass es ist allen Religionen eine beliebte Übung ist, Erzählungen aus anderen Weltgegenden oder Kulturen zu vereinnahmen und modifiziert in die eigene Glaubensgeschichte einzuarbeiten. Die Sintflut und die Vertreibung aus dem Paradies mögen darunter die bekanntesten Sagen sein, aber es gibt eine kaum überblickbare Zahl solcher uralter Sagen aus der Antike, die in unterschiedlichen Gewändern quasi überall auftauchen und Teil der jeweiligen Religions-Mythen wurden; gerne auch mit dem Anspruch, selbst das Original zu sein.

Das besondere, das, was der Daniel Gerlach hier so großartig bewerkstelligt, ist die Zusammenführung von historischen Fakten mit überlieferten Mythen – erst beides zusammen macht die Welt des Orients aus und verständlich. Ob es wirklich die „letzten Geheimnisse“ sind, über die man liest, weiß ich nicht – es sind jedenfalls unglaublich viele davon. Es lässt sich enorm viel Neues erfahren und Wissen über Bekanntes vertiefen, darunter beispielsweise auch eine Menge über die Ursprünge einiger Riten des Christentums.

Ein tolles Buch, das eine Gesellschaft, die uns oft fremd erscheint und die zu großen Teilen einen ganz anderen Lebensstil pflegt als wir in Europa, sehr anschaulich darstellt und sehr begreifbar macht. Als Erzählung im literarischen Sinn dazu noch unglaublich packend, amüsant und kurzweilig geschrieben.

Sehr empfehlenswert und definitiv eines meiner persönlichen Buch-Highlights des Jahres 2022!




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