Buchbesprechung/Rezension:

Christoph Reuter: Wir waren glücklich hier
Afghanistan nach dem Sieg der Taliban - Ein Roadtrip

Wir waren glücklich hier
verfasst am 25.04.2023 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Reiter, Christoph
Genre: Politik
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Afghanistan: Bärtige Männer und Heranwachsende mit Turban und Kalaschnikow; Frauen in Burkas, die jedes grundlegenden Rechtes beraubt sind. Männer, die ihre Mütter, Frauen und Töchter wie Sklavinnen behandeln. So sehen wir es – doch ist das alles?

Die Geschichte von Afghanistan ist eine jahrzehntelange Folge von menschlichen Katastrophen: Besatzungen durch ausländische Streitkräfte wechseln sich ab mit Gewalt durch Warlords oder Taliban. Wie kann, wie will man dort noch leben?

Um zu erfahren, was im Inneren vorgeht, braucht die Welt Menschen, Journalisten, Helfer, die sich, ungeachtet der Gefahr für das eigene Leben, hineinwagen. So wie Christoph Reuter und einige wenige andere im August des Jahres 2021 kurz nach der erneuten Machtübernahme der Taliban, nachdem sich die US-Streitkräfte endgültig zurückgezogen hatten.

Diesen Mut könnte ich nie aufbringen, denn im Land liegen Überleben und Tod immer nahe beieinander. Die ständige Angst und die ständige Ungewissheit, wie die nächste Gruppe von Taliban agieren wird, zieht sich durch das ganze Buch, quasi als Hintergrundrauschen, das jeden Winkel Afghanistans erfüllt.

Mit Billigung oder gar nach Anweisung des berüchtigten US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld (der, wenn man mich fragt, genauso ein Kriegsverbrecher war wie heute Putin oder Lawrow) wurde das Land nach der Vertreibung der Taliban im Jahr 2002 umgepflügt. Die Macht wurde in die Hände von Warlords gelegt, die sich der US-Streitkräfte bedienten, um Widersacher auszuschalten. Diese Streitkräfte ließen sich für solche persönlichen Rachefeldzüge unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung einspannen.

Die Taliban, die Warlords, die alles durchdringend Korruption, die Unterdrückung der Frauen, die Feindschaften unter den Stämmen: Alles war immer da und ist scheinbar unverrückbare Basis des Landes.

Wie Reuter es beschreibt, entstand in den zwanzig Jahren, in denen ausländische Streitkräfte im Land waren, eine Scheinwelt, die jedoch immer mehr auf die Hauptstadt Kabul beschränkt war. Zwar waren die Taliban schon bald besiegt, doch als danach immer mehr Menschen die Opfer von Gewalt und Korruption wurden, als also nur eine Form der Unterdrückung durch eine andere ausgetauscht wurde, sickerten die Taliban wieder ein – unbemerkt, ignoriert, unterschätzt.

Es ist höchst dramatisch nachzulesen, was im Land geschah (und das aus erste Quelle zu erfahren), welche bewussten und unbewussten Fehler gemacht wurden. Reuter führt eine Vielzahl an Beispielen an, wie von Anfang an die Chancen verspielt wurden, aus Afghanistan ein für alle seine Bewohner lebenswertes und sicheres Land zu machen. Fehler wurden gemacht, aber niemand wollte auf jene hören, die schon viele Jahre vor der Rückkehr der Taliban an Macht warnten. Letztendlich sorgten die Alliierten, so Reuter, durch ihr Handeln und Nicht-Handeln selbst dafür, dass die religiösen Eiferer Schritte für Schritt immer mehr  Boden gewinnen konnten. Ein gehöriger Teil der 1000 Milliarden (!) Dollar, die ins Land gepumpt wurden, landete auf Umwegen bei den Taliban, die so mithilfe ihrer Gegner ihre eigene Basis immer wieder ausbauen konnten.

Am Beispiel der schrecklichen Erfahrungen einzelner Menschen quasi mitzuerleben, wie dann das Mittelalter im August 2021 mit dem Sieg der Taliban endgültig zurückkam – das zu lesen, macht unglaublich zornig und traurig zugleich. Reuters Reportagen sind noch einprägender als die Bilder, die wir damals sahen, als tausende Menschen am Flughafen von Kabul versuchten, einen Platz in den letzten Fliegern zu ergattern, die das Land verließen. Dazu jene Episode, als die geplante Evakuierung von 170 Menschen mit einem eigens gecharterten Flugzeug scheiterte und nur eine Handvoll Menschen gerettet werden konnte. Niemals darf man auch vergessen, dass die Alliierten abzogen und die meisten derjenigen zurück und der Willkür der Taliban überließen, die in den davor liegenden zwanzig Jahren für die Demokratie, eine Transformation des Landes und als Unterstützer der Streitkräfte gearbeitet hatten.

Als wäre das alles noch nicht entsetzlich genug, beschreibt Reuter auch noch, was jenen Menschen zustoßen kann, die auf der Flucht vor der Armut und Hoffnungslosigkeit in den Iran fliehen. Wer dort als afghanischer Flüchtling in ein Krankenhaus kommt, kann leicht aus nichtigen Gründen überraschend sterben. Den Toten werden sie Organe entnommen, bevor sie nach Afghanistan zurückgeschickt werden.

Ein fremder Planet

Zum Mars fliegt man zwar länger als nach Afghanistan, aber der rote Planet wird uns wahrscheinlich weniger fremd sein, als das Land am Hindukusch. Das Buch ist damit auch ein Bericht über eine Expedition auf einen anderen Planeten, der nur ein paar Flugstunden entfernt ist.

Reuter versteht es, die Dramatik, die Angst, die Verzweiflung und die Perspektivlosigkeit in seinem Bericht zumindest ein wenig verständlich zu machen. Er beschreibt Umstände, die wir uns aber in ihrem vollen Umfang überhaupt nicht vorstellen können. Dass mit der Machtübernahme der Taliban die Gewalt nicht zu Ende gegangen ist, sondern Anschläge nun von anderen, noch extremeren Fanatikern – großteils von Pakistan aus und mithilfe des pakistanischen Geheimdienstes – verübt werden, setzt die schon so lange fortwährende kriegerische Geschichte des Landes nahtlos fort.

Ein bedrückendes und erschreckendes Kapitel der Menschheitsgeschichte. Die Schuld dafür alleine den Taliban umzuhängen, ist aber, so ein Resümee des Buches, falsch. Denn dass die Lage in Afghanistan sich so darstellt, ist die Folge von archaischen Traditionen, unzähliger Stammesfehden, religiösem Extremismus, mangelnder Bildung und, ganz entscheidend, einem zwanzig Jahre andauernden Fiasko, das als Folge von 9/11 und des darauffolgenden Einmarsches von US-Truppen und deren Verbündeten begann und in einem Sumpf von Korruption, Unfähigkeit und Kurzsichtigkeit und mit zehntausenden Toten endete.

Die Opfer sind jetzt die Frauen und alle jene Menschen, die meinten, dass persönliche Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten mit den Alliierten ins Land Einzug halten würden. In Wahrheit aber war die Hauptstadt Kabul, wo sich so etwas wie eine liberale Lebensweise in bescheidenen Ausmaß entwickelte, nur eine Art potemkinsches Dorf, das seinen Bewohnern eine Scheinwelt vorgaukelte – abgeschottet vom Rest des Landes und unbemerkt bereits lange Zeit unterwandert von den zurückgekehrten Taliban.

Man kann den Wert der Arbeit von Menschen wie Christoph Reuter gar nicht wichtig genug einschätzen, dass sie uns die Informationen liefern, die aus den täglichen Meldungen fehlten. Seine Reportagen aus den so unterschiedlichen Landesteilen Afghanistans bringen uns einerseits die Schicksale einzelnen Menschen nahe und decken anderseits auf, was wirklich im Land vor sich ging und geht. Denn im Land selbst gibt es keine unabhängigen Stimmen mehr, die über das alles berichten könnten.

Beeindruckend sowohl in Bezug auf den Mut, für diese Reportagen das eigene Leben zu riskieren, als auch in Bezug auf die Klarheit der Information und die ausgewogene Wertung der Vorgänge. Es ist zugleich auch die Mahnung an den Westen, das Geschehen der letzten Jahrzehnte aufzuarbeiten und daraus die Lehren zu ziehen; und einen Weg zum richtigen Umgang mit den Taliban und vor allem einen im Sinne der Menschen im Land zu finden.

Denn, so zeigt sich, wird das Land in immer mehr Isolation geführt und die extremistischen Kräfte gewinnen die Oberhand.




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