Joey Goebel: Freaks

verfasst am 24.09.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Goebel, Joey, Romane

Alles in nur fünf  Personen, alles war eine Gesellschaft hergibt: alt und jung, weiß und schwarz, gesund und behindert, verrückt. Diese 5, das sind die Freaks, so heißt nicht nur ihre Band, genau so werden sie von jedermann/frau gesehen: Aussenseiter, nicht Angepasste, Fremdartige, Aussergewöhnliche.

Luster, der Afroamerikaner, der immer denkt und dabei laut spricht. Opal, die Punkerin im Körper einer 80-jährigen. Aurora, die schöne Satanistin im Rollstuhl. Amber, das störrische Mädchen mit dem Talent am Bass. Ray, der Iraker, der nicht mehr arabisch sprechen will, aber Englisch auch noch nicht so richtig kann. Unterschiedlicher geht es kaum, aber sie finden zueinander, werden für einander Familie.

Treten Sie alleine in Erscheinung, sorgen sie schon für Aufsehen, wenn sie gemeinsam aufmarschieren, dann sieht man ihnen nach,werden sie ausgelacht, gemieden, für verrückt gehalten. Freaks eben, die man anstarrt  wie im Zoo und  froh ist, wenn es ein Gitter gibt – sicher  ist sicher. Gitter gibt es hier nicht, deshalb ist Distanz für die meisten Menschen genau die richtige Entfernung.

Ihre Band ist für einige die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, für andere das Nachholen der verloren Vergangenheit. Mit so unterschiedlichen Amibition haben sie doch ein gemeinsames Ziel: die große Bühne, das große Publikum und gemeinsam bauen sie an ihrer eigenen Welt.

Jedes Kapitel wird aus der Sicht einer Person erzählt. Gut, dass bei jedem Ansatz dabei steht, wer gerade dabei ist zu denken/sprechen/handeln. So ist die Erzählung dessen, was mit dieser Person geschieht, was sie erlebt, ein Monolog der jeweils eigenen Gedanken dieser Person, vermischt mit gelegentlichen wirklichen Gesprächen mit ihrem Umfeld.

Nicht nur die Freaks erzählen, auch ihre jeweiligen Gegenüber tun das. Daraus entsteht ein Wechselspiel der Mißverständnisse – immer denkt jemand, was die/der andere denken könnte und liegt dabei meistens falsch. (So wie es eben ist, da brauchen wir keine Freaks dazu, genau so etwas passiert uns selbst doch jeden Tag). Eines stellt sich dabei als sicher heraus: die anderen – und es gibt eine Menge davon mit kurzen Gastauftritten –  sind mindestens genauso verrückt wie die Freaks. (Boah ej!)

„Freaks“ ist eine Erzählung über Vorurteile, Wünsche, Traurigkeit, Resignation, Missverständnisse und vergebene Chancen. Und dann wieder über Optimismus, Eigenständigkeit, Hoffnungen und Erwartungen. Ob Goebel dabei sein eigenes Leben als Sänger einer Punkrockband als Quelle nimmt?

Joey Goebels „Freaks – Originaltitel: The Anomalies“ war zuerst ein Drehbuch, aus dem er einen Roman machte. Geblieben ist dabei der Wechsel des Standortes – in diesem Fall der Standort der Leserin/des Lesers. Wir wechseln laufend zwischen den einzelnen Personen, die gerade am Wort sind, hin und her, wir sehen sie von innen und sehen aus ihnen mit ihren eigenen Augen hinaus.

Goebel überzeichnet oft und mit Leidenschaft. Das nimmt man gerne in Kauf, denn daraus entsteht ein Teil der Spannung in der Geschichte –  der andere Teil entsteht aus dem Wechsel von Trauigkeit zu Lebensfreude und am Ende wieder zurück, in tiefere Trauigkeit als zuvor.

Wer echt schräg mag, wird sich in diesem Buch wohl fühlen.


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Elke am 01.10.2010 um 18:14 Uhr Uhr

    High Andreas,
    ich mag schräg, kannst du mir eventuell das Buch leihen? Und: sag mal, wann liest du all die Bücher? Lg Elke

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