Henning Mankell: Der Feind im Schatten

verfasst am 19.05.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Mankell, Henning

Rund 10 Jahre sind vergangen, seit Inspektor Wallander zuletzt einen Fall löste. Das sind 10 Jahre, die die Erinnerung an Ystad, Wallander und seine Tochter Linda etwas verschwimmen lassen. Doch bei all den Erinnerungslücken: dieser neue Wallander, der zehnte und wie es heisst der letzte,  ist anders.

Es beginnt damit, daß Wallander rund um seinen 60. Geburtstag von seiner Tochter Linda damit überrascht wird, daß sie ihm mitteilt, er würde nun bald Großvater werden. Den Namen des Vaters des Kindes, Hans von Enke,  hört er zum ersten Mal, als Linda ihn bei dieser Gelegenheit erwähnt, von dieser Beziehung hatte er davor rein gar nichts mit bekommen.

Das geschieht alles zu einer Zeit, da Wallander mehr und mehr befürchtet, wie sein eigener Vater zu werden, immer mehr in seiner eigenen Welt gefangen, immer weniger im Kontakt zu anderen Menschen. Da passt es gut ins Bild, daß er nach einem ihm unerklärlichen Fehler für einige Monate vom Dienst supendiert wird, was ihn vorübergehend noch weiter in seine beginnende Altersdepression stürzt.

Den Beginn des Buches, als Wallander die Familie von Hans kennen lernt, als Hakan, Hans‘ Vater, ihm unerwartet eine Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges, aus seiner Zeit als Marineoffizier  enthüllt, ist seltsam kurzatmig geschrieben. Fast wie bei einer Aufzählung reiht sich ein Satz an den nächsten, als ob es hier darum ging, für die  LeserInnen das Geschehen kurz zusammen zu fassen – damit man einen Überblick hat und das nötige Grundwissen um das noch Kommende zu verstehen.

Das nötige Grundwissen ist dann dieses: Hakan von Enke verschwindet kurz nach seinem 75. Geburtstag spurlos, er kehrt von seinem gewohnten morgendlichen Spaziergang nicht zurück. Louise, Hakans Frau, bittet Wallander nach Stockholm, ins Haus der Enkes zu kommen um bei der Suche zu helfen, doch er kann nicht helfen, das Verschwinden bleibt mysteriös. Einzig jene Geschichte, die Hakan ihm erzählte, scheint eine vage Spur zu sein, doch das Ende dieser Geschichte, das was Hakan glaubte herausgefunden zu haben,  kennt niemand, weder Wallander, noch die alten Freunde Hakans.

Es ist eine Geschichte, die von den seltsamen Vorgängen aus dem Jahr 1982 rund um ein sowjetisches U-Boot in schwedischen Gewässern handelt, davon, wie die Marine im letzten Moment durch einen Befehl von ganz oben daran gehindert wurde, dieses U-Boot zum Auftauchen zu zwingen, von den Versuchen Hakans, die Hintergründe dieses Befehls zum Rückzug aufzudecken, vergebliche Versuche, die ihn bis zum Büro des damaligen Mimisterpräsidenten Olof Palme führten. Nun, viele Jahre später meinte Hakan, er hätte den Schlüssel zu den Ereignissen gefunden, doch mehr als Andeutungen hatte er auch seinen engsten Freunden gegenüber nicht gemacht.

Monate später ist Wallander wieder im Dienst und geht seiner täglichen Polizeiarbeit nach. Hakan bleibt verschwunden, keine Nachricht, kein neuer Hinweis sind aufgetaucht und von der Geheimpolizei, die wie sie sagt, routinemäßig ermittelt, wenn es um einen hochrangigen Offizier geht, kommen ebenfalls keine erhellenden Informationen. Während Wallander den aktuellen Fällen, die auf seinem Schreibtisch in Ystad landen, nachgeht, verfolgt er doch die Enwicklung in Stockholm, bleibt mit seinem Kollegen, der dort die Ermittlungen leitet in regelmäßigem Kontakt.

Das Verschwinden von Louise, Hakans Frau, bringt ihn dann dazu, wieder selbst verstärkt Nachforschungen zu betreiben und die bringen ihn auf Spuren, die weiter führen als bis zu jenem U-Boot in schwedischen Gewässern.

Die eigentliche Polizeiarbeit überlässt Wallander diesmal den Kollegen in Stockholm, die für den Fall zuständig sind. Ihn selbst treibt die Verbindung an, die sich über Linda und seine Enkeltochter zur Famile der von Enkes ergibt. Je weiter er sich vortastet und je mehr verwirrte Fäden auf seinem Weg liegen, desto mehr vertieft er sich in die Suche nach den Ursachen und den Gründen des Verschwindens von Hakan und  Louise.

Je mehr sich Wallander vertieft, desto intensiver und einnehmender wird das Buch und wird Seite für Seite zu einem der besten Wallander, den ich gelesen habe. Spannend waren sie alle, aber dieser hat noch eine weitere Facette bekommmen, die in diesem Buch genauso wichtig ist, wie der Fall selbst: das Leben und das Leiden eines älter werdenden Menschen. Aus diesem Grund führt der Titel des Buches auch in die Irre: denn es ist nicht DER Feind im Schatten, es sind DIE Feinde im Schatten!

Der eine  Feind wurde in der Zeit des Kalten Krieges in der Welt der Geheimdienste geboren und wirft auch Jahrzehnte nach dessen Ende noch immer seine dunklen Schatten auf die Gegenwart.

Der andere Feind ist Wallanders eigenes Altern, das immer mehr Schatten in seinem Leben und in seinem Geist hinterlässt. Er schwankt zwischen den Erinnerungen an seine früheren Jahre und der Angst vor dem Kommenden. Mit 60 Jahren sieht er sich schon am Ende seines Lebensweges und die Signale, die ihm sein Körper und sein Geist dazu senden, bestärken ihn in seiner Einschätzung. Der Wallander, den wir aus den früheren Romanen kennen, war immer schon  geplagt von allen möglichen Ängsten, doch jetzt scheinen seine Ängste vor der Einsamkeit, davor nicht mehr gebraucht oder geachtet zu werden Realität zu werden.

Daraus wird eine Geschichte, die spannend und einfühlsam zugleich ist, in der Wallander persönlicher wird, als jemals zuvor. Es ist der unwiderriflich letzte Fall des Kommissars aus Ystad. Sehr Schade!



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