Benjamin Stein: Replay

verfasst am 02.02.2012 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Stein, Benjamin

Wenn man von Geburt an mit einem Handicap zu leben hat, dann ist es doch die beste Chance, die man bekommen kann: über eine Technik zu verfügen, die nicht nur über dieses Handicap hinweg hilft, sondern viel mehr Möglichkeiten eröffnet, als sie ein Mensch von Natur aus haben könnte.

Ed Rosen hatte diese Chance. Sein entstelltes (und wie man sagen muss von Ärzten noch weiter verpfuschtes) Auge durch ein Implantat zu ersetzen. Zu verdanken hat er diese Chance dem Professor Matana, seinem Boss, der in seinem Unternehmen alles bereit stellte, was zur Entwicklung nötig war und ihn, Ed Rosen als ersten Träger eines solchen Wundergerätes auswählte.

Jetzt trägt er es, dieses künstliche Auge. Die grausame Zeit seiner Jugend ist längst überwunden, denn damals kam zum wirklichen Leid auch noch das eingebildete dazu, das war seine Vorstellung, wie sehr er auf alle abstossend wirken musste, etwas das ihn mit dem Erwachsenwerden zumindest nicht mehr belastete.

Er erinnert sich genau, wie es war an jenem Morgen, als er dieser physischen Transformation seiner selbst zustimmte, wie es war, als er an jenem Morgen erwachte und meinte, anstatt seines Fußes einen Huf zu sehen. Dort wo sein Fuß sein sollte, sah er einen Huf unter der Decke heraus ragen! Und genau da entschloss er sich, zu zu dem Prototypen für einen neuen, technisch verbesserten Menschen zu werden.

Magisch und hypnotisch, diese beiden Attritute kamen mir schon beim Lesen von Stein’s Buch „Die Leinwand“ in den Sinn und hier ist es wieder, dieses Gefühl: es beginnt ganz unscheinbar, unauffällig, beiläufig und doch – schon nach wenigen Absätzen haben  sich ganz eigene Welten aufgebaut. Die Welt im Kopf des Ed Rosen und die Welt um ihn herum.

In Rückblenden erzählt sich sein Leben, Schritt für Schritt nähern wir uns über die Jahre hinweg der Zukunft, die gleichzeitig die eigentliche Gegenwart des Buches ist. Dabei wechseln sich Abschnitte, in denen Tage, Wochen in wenigen Sätze beschrieben werden, ab mit Abschnitten, in denen es seitenweise um nur wenige Minuten in Eds Leben geht.

Das gibt dem Buch einen ganz eigenen Rythmus, in dem sich auch noch der (zeitliche) Standort verschiebt, in dem sich die Frage nach Gegenwärtigem oder Vergangenem meistens nicht zweifelsfrei beantworten lässt –  oder anders ausgedrückt: es ist nicht klar was heute geschieht, was nur eine Erinnerung an gestern ist, denn wir wissen lange gar nicht, wann diese Geschichte spielt.

Und dann, fast nebenbei, mitten drinnen im Buch, liest man eine sehr interessantes Statement zum Thema Soziale Netzwerke: wie schafft es zB. ein Unternehmen wie Facebook (aber auch viele andere, machen wir uns da keine Illusionen), Millionen Menschen jede beliebige Information heraus zu locken, sie eines Teiles ihrer (Persönlichkeits)Rechte zu berauben und sie dazu auch noch dauerhaft an sich zu binden. Etwas, das einfach das ganze Leben durchschaubar, transparent macht, das es mit einer Zeile, einem Bild, einem Video zerstören oder aufbauen kann, hält uns schon heute fest in seinem Griff. Wir aber wollen es nicht bemerken, halten uns selbst für stärker als das System.

Nun: in der gar nicht so fernen zukünftigen Gegenwart des Ed Rosen hat etwas über unsere köperliche und geistige Seite schon längst die Oberhand gewonnen und wir lassen es uns genauso wie heute frohen Mutes gefallen.

Ein futuristischer Roman, der zutiefst in der Gegenwart verwurzelt ist.
Eine spannender Thriller über das Ausufern der Dinge.
Ein beeindruckendes Bucherlebnis.
Eine besondere Empfehlung.

PS: Warum das Buch den Titel „Replay“ trägt, findet man beim Lesen heraus. Für mich aber könnte dieses Buch mit dem Titel „Replay“ auch eine Art moderne Neuinszenierung – ein Replay – eines anderes Buches sein. „1984“.

PPS: Und warum ist Benjamin Stein mit seinem Blog Turmsegler auf Facebook?


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Benjamin Stein am 02.02.2012 um 20:04 Uhr Uhr

    Und warum ist Benjamin Stein mit seinem Blog Turmsegler auf Facebook?

    … weil er am gleichen Zwiespalt leidet wie Ed, Katelyn und Lian: Der Reiz des UniComs ist größer als alle Befürchtungen, die sie jemals gehabt haben mögen. Sie haben es alle so schön kuschelig in der versteckten Diktatur der Corporation.

    mfg
    Benjamin Stein

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