Benjamin Stein: Das Alphabet des Rabbi Löw

verfasst am 28.08.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Stein, Benjamin

Im Jahr 1995, im Alter von 21 Jahren, veröffentlichte Benjamin Stein seinen ersten Roman mit dem Titel „Das Alphabet des Juda Liva“. Der vorliegende Roman aus dem Jahr 2014 ist eine Komplettüberarbeitung des Erstlings (den ich jedoch nicht gelesen habe – Vergleiche der beiden Versionen kann ich somit ziehen).

„Das Alphabet des Rabbi Löw“ ist vorrangig ein Roman der Geschichten und des Erzählens von Geschichten. Da ich die möglichen Hintergründe aus der jüdischen Msystik nicht kenne, bleibt mir nur, über die gelesenen Geschichten zu schreiben. Das aber ist völlig ausreichend, denn dieses ist ein wirklich beeindruckendes Buch, voller Phantasie.

Alles beginnt mit dem Auftauchen von Jacoby. Wie sich der ungepflegt wirkende Mann an den Tisch zu einem jungen Mann in dessen Stammlokal in Berlin-Kreuzberg setzt. Jacoby schlägt dem jungen Mann vor, ihn und seine Freundin Sheary künftig als Geschichtenerzähler regelmäßig zu besuchen. Ein Mal pro Woche, immer am selben Tag und zu bezahlen wäre er nur mit einer Flasche Wodka. Und schon am nächsten Tag möchte Jacoby das erste Mal vorbei kommen, an dem Tag, an dem Sheary Geburtstag hat, als Geschenk gewissermaßen.

Seltsam, was Jacoby alles über den jungen Man, seine Freudin und deren Leben weiß. Seltsam., aber die kurze Beispiel, das Jacoby als Beweis dafür bringt, dass niemand so erzählen kann wie er, ist noch seltsamer; ein Ausflug in eine andere Zeit, an einen anderen Ort; es scheint dem jungen Man, als ob er und Jacoby tatsächlich dorthin gereist wären.

„bin verhindert da tot. notar meldet sich. beste grüße, jacoby“. Ein paar Monate, nachdem Jacoby seine wöchentlichen Erzählabende begonnen hat, stürzt diese kurze Nachricht den jungen Mann und seine Freundin in Unruhe; denn sie haben sich an Jacoby und seine Geschichten so sehr gewöhnt, dass sie es sich ohne diese gar nicht mehr vorstellen können. Dazu kommt, dass Jacobys Erzählung zuletzt mitten in den Ereignissen endete, die Fortsetzung würden sie nun nie erfahren.

Doch Jacoby bedachte die beiden in seinem Testament: Kassetten, Videos und alte Zeitungsausschnitte sollen an Jacobys Stelle die Geschichte weiter erzählen.

Jacobys Geschichten: Verstrickungen und Verwirrungen

Die Makarova-Frauen sind Engel, an deren Wesen Männer – man kann es tatsächlich wörtlich verstehen – verbrennen können. Lydia, die Großmutter, Mirijam, die Mutter und Eva die Tochter sind in ihrem Wesen und ihrer Erscheinung und in ihrem Schicksal vereint. Sie sind schön, sie verzaubern mit ihrem Gesang die Zuhörer und sie können nur einen einzigen Mann lieben. Nur diesen einen und in der Tradition der Markova-Frauen dauert die Verbindung nur wenige Stunden.

Die Erzählung über die Frauen, über die Orte, die sie bewohnen und besuchen, die Begegnungen, die sie haben, die Männer, die ihnen erliegen, ist ungemein verstrickt, gelegentlich wird man ein wenig verwirrt zurück blättern, um die vorangegangenen Abschnitte nochmals zu lesen, ist auch schon selbst gefangen, von der Erzählung.

Wohin das alles führen wird, ob die Geschichte ein Ende haben wird, ist dabei gar nicht vorhersehrbar. Denn zu den Personen, die einander so ähnlich sind, dass man bald nicht mehr weiß, wohin sie gehören, gesellt sich noch eine Verschmischung der Orte, der Zeiten und der Ereignisse.

Und ja, das darf ich nicht vergessen: trotz aller Bemühungen habe ich viele Zusammenhänge noch immer nicht durchblickt.

Einen solchen Roman, dessen Inhalt mehr auseinander strebt, als sich zu einem anvisierten „Finale“ zu verdichten, habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Es ist mir dabei auch gar nicht so wichtig, dass ich ein ganez Reihe von Begriffen, die auftauchen, nicht kenne oder nicht zuordnen kann (zum Nachschlagen habe ich keine Lust). Diese beiden Punkte wären bei einem anderen Buch wohl ausschlaggebend für eine wenig positive Beurteilung.

Nicht so hier: diese Unschärfen, diese Verwirrungen (zu denen auch die mit Absicht ausgelassenen oder spärlich gesetzten Satzzeichen beitragen), nicht zu vergessen die oft eingeschobenen, augenzwinkernden Bemerkungen, die erkennen lassen, dass man wohl nicht alles so ernst nehmen sollte, machen „Das Alphabet des Rabbi Löw“  zu einem herausragenden Roman. Allerdings auch schwer einem bestimmten Genre zuordenbar. Ein Roman, der mich als Leser fordert und mich genau deshalb – Herausforderung angenommen! – erfreut.

Gedanken an die Gegenwart drängen sich auf

Es mag ein Hintergrund zur Entstehung dieses Buches sein, oder auch nicht: Geschichten bestimmen unseren Alltag seit jeher. Dass es dabei nicht immer wohlwollende Geschichten sind, solche, aus denen man Idee gewinnen oder neue Perspektiven betrachten kann, liegt in der Natur der Menschen,. Eine Natur, in der es immer wieder solche gibt, die Zwietracht oder Neid schüren möchten, aus Eigennutz oder aus der puren Lust an Streit und Aggression.

So kamen mir beim Lesen immer wieder die Geschichten in den Sinn, die unseren gegenwärtigen öffentlichen Diskurs weit über die Maßen bestimmen: Geschichten über Verschwörungstheorien, über „Eliten“, die „die Bevölkerung austauschen“ wollen, von „Chemtrails“ bis zu unverhohlenem Antisemitismus und Rassismus, von Impfgegnern bis zu obskuren „Naturheilern“. Auch das sind Geschichten und sie werden nur zum Zweck der Befriedigung des Egoismus und Narzismus und der Gier des Erfinders in die Welt gesetzt; und weil sie für einen gar nicht so kleinen Teil der Menschheit trotz aller Widersprüche und offensichlicher Lügen glaubhaft erscheinen, verbreiten sie sich wie Ungeziefer.

Mit Benjamin Steins Geschichten in diesem Roman ist ein Gegenentwurf dazu zu lesen.



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