José Saramago: Kain

verfasst am 19.10.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Saramago, José

Gott erschuf Adam und Eva als erste Menschen. So weit, so übereinstimmend. Darüber, was sich danach zutrug, herrscht zwischen José Saramago und der Bibel dann doch die eine und andere unterschiedliche Auffassung. In “Kain” spielt sich alles ein wenig anders ab (und wer weiß, in welche, vielleicht bessere, oder doch schlechtere Welt uns Saramagos Altes Testament geleitet hätte).

Diese neue “Schöpfungsgeschichte” ist, rein stilistisch gesehen, eine Mischung aus Märchen (wenn auch defintiv für Erwachsene) und Satire.  Manchmal so geschrieben, wie man es auch in der Bibel lesen könnte (abgesehen vom Inhalt natürlich), machmal so geschrieben, wie man es eben heutzutage schreibt.

Ein sehr zusammenfassender Satz findet sich gleich zu Beginn des Buches (S.16, und Gott hat gerade Evas Nabel erschaffen): “Dies war das letzte Mal, dass der Herr ein von ihm geschaffenes Werk betrachtete und es für gut befand.” Das ist eine Zusammenfassung für den Inhalt UND den Stil des Buches. Beides genial, beides grossartig.

Danach folgt die Erzählung des Alten Testamentes von einen neuen Betrachtungspunkt aus. Das fängt bei Adam und Eva an (denn vorher gab es auch bei Saramago nichts Menschliches auf der Welt), aber schon das, womit sich die beiden, so ganz miteinander, ansonsten aber alleine, die kommenden paar Jahrzehnte vertreiben werden, weicht von bislang Bekannten ab. 

Später ist es dann Kain, dem hier ein neue, sehr umfassende Rolle, die Hauptrolle, zugedacht ist. Kain, der böse Bruder, ist nach dem Mord an Abel,  als  Gottes Strafe gewissermaßen, zu einem Chronisten und Begleiter aller dieser uns hinlänglich bekannten Figuren aus dem Alten Testament geworden. Isaak und Noah, Abraham und Moses, um nur wenige zu nennen, trifft er auf seinem Weg. Aber auch die allseits bekannte Geschichte erlebt er mit, Jericho, Sodom und Gomorrah, die Sintflut – Kain ist dabei und zunehmend entsetzt.

Seine Aufzeichung vermitteln uns das Bild einer Welt, in der Gott so ziemlich ausser Rand und Band geraten ist. Nicht, dass die Geschichten andere wären als in der Bibel, aber Kain sieht sie aus einer anderen, aus einer könnte man sagen, ehrlicheren Perspektive, als es bislang geschrieben steht. Mehr und mehr zeigt sich der rachsüchtige, der gnadenlose und auch gedankenlose Gott, der von den anderen verlangt, was er selbst nicht zu geben bereit ist: Verzeihen, Vergeben, Demut.

Mitten in dieser neu interpretierten Welt bewegt sich Kain vorwärts und rückwärts durch die Zeiten und trifft dabei, sein Leben scheint wie schon erwähnt ewig anzudauern, auf die Prominenz, die man aus der Bibel kennt.  Seine Tat, der Brudermord, erscheint ihm bei dieser Reise immer geringer, je mehr er sieht, was sich sein Herrgott so alles leistet. Kurzum: Kain kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Immer nur mit Flammen und Schwert, das macht auf Dauer keinen guten Eindruck, auch nicht bei einem Gott. Woher also sollten die Menschen wissen, wie man in Harmonie mit der Welt und den Wesen rundherum lebt, wenn der, der unbedingten Glauben von ihnen einfordert, dafür kein Beispiel gibt? Gute Frage!

Vielleicht sind ja doch Flamme und Schwert die einzig wahren Werkzeuge in dieser Welt? Nun, man sieht sich heute um und erkennt recht schnell, welche Strömung die Oberhand gewonnen hat.

Köstlich, bissig, manchmal so richtig böse (damit meine ich diese gute, die intelligente Art von “böse”, die sich nur in genau ausgewogenen und passenden Formulierungen zeigt). Manchmal mit Augenzwinkern, manchmal zum lauten Auflachen verleitend. Und irgendwie auch logisch, denn es hätte ja auch so ablaufen können. Die Dinge (Ereignisse, Dialoge) schieben sich ineinander, es wechselt die Perspektive, die Person oft mitten im Satz,was man aber vielleicht nicht immer gleich bemerkt. Denn, und das ist das Spannende beim Lesen, es macht oft auch Sinn, selbst wenn man diesen Perspektivenwechsel überlesen hat.

Auf den Schriftsteller José Saramago bin ich leider erst nach seinem Tod gestossen, auch der Literatur-Nobelpreis, den er 1998 erhielt, hatte mich nicht früher auf die literarische Spur des 1922 in Portugal geborenen  und 2010 auf Lanazorte gestorbenen Autors geführt. Leider erst so spät, muss ich nun sagen, aber seine Bücher gibt es ja noch.

“Kain” ist sein letzter Roman, erschienen im Jahr 2009 und (für mich) ein phänomenaler Einstieg in sein Werk. Seine früheren Werke kenne ich (noch) nicht, aber von diesem weiß ich, dass es der Feder eines jung Gebliebenen entstammt.

PS: Eine wahrhaft “göttliche Satire”.


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