José Saramago: Eine Zeit ohne Tod

verfasst am 13.03.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Saramago, José

So lautet der erste Satz im Buch: „Am darauffolgenden Tag starb niemand“. Auch wenn es nur in diesen einen Land geschah, auch wenn kein Unfall, kein Verbrechen, keine Krankheit, einfach gar nichts ein Menschenleben forderte, so bedeutete diese auf den ersten Blick so verheissungsvolle Nachricht, doch nicht nur Gutes.

Wenn José Saramago dieses Land in dieser Zeit des vielleicht ewigen Weiterlebens beschreibt, dann weiß man natürlich, dass das so noch nirgends stattgefunden hat (und – medizinischer Fortschritt hin oder her –  wohl auch niemals staffinden wird). Doch so wie er es schreibt, so wie er es erzählt, liest man keine Utopie, keine Science Fiction sondern meint ganz im Gegenteil, etwas ganz alltägliches zu lesen, als sei es so geschehen.

Es muss erwähnt werden, dass lediglich der Tod seine Arbeit eingestellt hatte, was nicht gleichbedeutend mit einer Genesung aller Kranken war. Weiterhin fielen Leute ins Koma, litten an unheilbaren Krankheiten, nun aber nicht für wenige Tage, Wochen, Monate oder Jahre sondern für immer. Das war nur ein Umstand, der in die neu angebrochene Zeit des Jubels und der Unsterblichkeit, bald ein paar Missstöne einbrachte. Ein anderer war die missliche Lager jener Wirtschaftbetriebe, die von oder mit dem Tod ihre Geschäfte betrieben. Vom Bestattungsunternehmen bis zur Lebensversicherung – viele standen von einem Tag auf dem anderen vor dem Ruin oder mussten all ihre Kreativität aufbringen um zu überleben.

Ja selbst die Kirche sieht sich mit der Abwesenheit des Todes – und damit der Überflüssigkeit jeglicher Auferstehung – zuerst überfordert und dann in ihren Grundfesten erschüttert.

Natürlich drängte sich auch das organisierte Verbrechen, so schnell konnte man gar nicht schauen, in diese neu Situation hinein, denn Profit lässt sich überall heraus holen. Und dann waren da auch noch die Nachbarstaaten, in denen weiterhin, wie schon seit Angebinn der Zeit,  gestorben wurde.

Schlussendlich, das darf man natürlich keinesfalls vergessen, gibt es auch das Wesen mit dem Namen „tod“. Bleibt abzuwarten, wie er mit dieser Sitaution umzugehen beabsichtigt. Nach langer Zeit des Schweigens ist es dann ein Brief, mit dem er sich zurück ins Bewusstsein des Landes bringt.

Ein Buch, das sehr oft, sehr weit ausholt. Was aber beim Lesen von Werken anderer Schriftstellern manchmal zu Langeweile oder zu Überdruss führt, das vermehrt bei José Saramago nur das Lesevergnügen.  Wie eine musikalische Dichtung sind die Sätze aufgebaut, manchmal scheint es, als drängte sich noch ein Gedanke hinein, der zu Beginn noch gar nicht vorgesehen war; und doch bettet sich der neu hinzukommende Gedanke vollkommen harmonisch, man möchte sagen fugenlos,  ein.

Er macht aus einem einzigen Ursprungsgedanken ein Ereignis voller Ideen und Phantasie und schreibt es dann so klar und real nieder, dass man meint, es wäre wirklich so geschehen. Sicher fanden nicht alle Aspekte einer für die Menschen gänzlich neuen Situation wie der Unsterblichkeit Platz auf den rund 250 Seiten, aber Saramago scheint es bis ins letzte Detail durchdacht zu haben. Jedenfalls fand ich die Beschreibung dieser Welt vollkommen und meine damit sowohl den Inhalt als auch die Sprache. Nichts fehlte mir.

Die sprachliche Brillianz – die sich erst durch die Übersetzung durch Marianne Gareis bis zu uns halten konnte – und das gleichsam verstörende wie vertraute Thema schaffen gemeinsam eine meisterhafte Erzählung vom Meister der Erzählungen.

PS: Hat man dieses Buch gelesen, dann verliert die Unsterblichkeit ein wenig von ihrem Reiz. Aber es bleibt uns ja die Entscheidung – Unsterblichkeit Ja oder Nein – im Moment noch erspart, was somit auch etwas Gutes hat.



Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top