Hendrik Otremba: Der Gräber
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Was war es, das die Menschheit an diesen Punkt gebracht hat? Die täglichen Meldungen beweisen, dass der Homo sapiens auf vielfältige Art und Weise in der Lage und Willens ist, sich und seine Umwelt zu vernichten.
Kriege, Umweltkatastrophen, Klimakatastrophen, Pandemien, Hybris. Man kann es sich aussuchen, was es sein wird – was zu der zerstörten Welt in „Der Gräber“ geführt hat, wird man im Lauf der Ereignisse noch erfahren.
Die Welt, in der Oswalth Kerzenrauch lebt, ist in Folge dieser zunächst noch nicht benannten Katastrophe unbewohnbar geworden, die Menschheit stirbt aus. Viele sind in den zurückliegenden Jahrzehnten auf einen fernen Planeten mit dem Namen „Nektar II“ ausgewandert, einige verbringen den verbleibenden Rest ihres Lebens in den Ruinen dessen, was einst eine Zivilisation war. Die bleiben sind die letzten ihrer Art, den Kinder wurden schon lange keine mehr geboren. Es sind nur noch wenige Tage, bis das letzte Raumschiff die Erde in Richtung Nektar II verlässt
Oswalth Kerzenrauch hat im Gegensatz zu seinen Freunden, zu den Menschen, die er liebt und kennt, keinen „Rest“ in seinem Leben, denn er wird ewig leben. Ein paar Jahrhunderte existierte er schon und hat sie währenddessen miterlebt – die Selbstzerstörung der Menschen von Beginn bis zum Ende.
Was in diesem Roman nicht alles zusammentrifft: Was es bedeuten würde, ewig zu leben, alle anderen um einen herum altern und sterben zu sehen, zu wissen, dass man jeden Menschen, den man liebt, verlieren wird. Wie die letzten Reste der einstmals allgegenwärtigen Menschheit, wie die Einzelnen den Halt verlieren und jeden Tag jenseits alle überflüssig gewordene Konventionen leben, denn ein Morgen gibt es nicht. Vieles mehr, das man sich aber selbst erlesen sollte.
Die Wirkung
„Der Gräber“ ist die Geschichte einer möglichen Zukunft der Menschheit, blickt aber von dort auch zurück in unsere Gegenwart. Dabei gelingen Hendrik Otremba, wie ich meine, einige wirklich kluge Sätze, so wie beispielsweise dieser:
Ich habe der Ideologie entsagt, meinen Sie das? Daran klebt das Scheitern der Menschheit. Und die Reste der Ideologien kleben am gescheiterten Menschen.
S. 124
Fasst man den Roman inhaltlich zusammen, wird man feststellen, dass darin zwar viel beschrieben ist, die Handlung im eigentlichen Sinn aber überschaubar bleibt. Es sind vielmehr die vielen Einblicke in Kerzenrauchs Sicht auf die Welt, auf seine Lebensgeschichte und darauf, wie er lebt und überlebt, die die Wirkung ausmachen.
Wenn man einmal mit dem Lesen begonnen hat, wird man sich auch von diesen Details nur schwer lösen können; das führte dazu, dass ich mit den knapp 280 Seiten des Buches weit mehr Zeit verbracht habe, als gewöhnlich. Die Atmosphäre und natürlich auch die Frage, wie es enden wird, finden zu einer fesselnden Erzählung zusammen.
Neben den Szenarien, die Otremba für unsere nahende Zukunft entwirft, schickt er uns Leserinnen und Leser auch immer wieder abrupt in einen anderen Abschnitt aus Kerzenrauchs Leben und erzählt dann von Verlust, Erinnerung und davon, wie unwirklich es sein mag, alles, was man je erleben wird, hinter sich lassen zu müssen. Unsterblich zu sein klingt nur schön, wer Oswalth Kerzenrauch dazu befragt erkennt, dass es zur Bürde werden wird, nichts Bleibendes zu haben.
Das alles findet in einer Welt statt, die Hendrik Otremba ohne allzu viele Ausschmückungen dennoch so bildhaft beschreibt, dass man die ganze Zerstörung und den Zerfall beinahe vor Augen hat; und dabei an ikonische Bilder aus gegenwärtigen und zurückliegenden Kriegen und anderen Apokalypsen denkt.
Zusammengefasst:
Wer nach einem Buch sucht, das nachhallt, das ohne sich aufzudrängen, eine (leider gar nicht so abwegige) Zukunftsperspektive der Menschheit beschreibt, die aus den Erfahrungen unserer Gegenwart möglich wäre, wird in „Der Gräber“ ein beeindruckendes Leseerlebnis finden.