Götz Aly: Wie konnte das geschehen?
Deutschland 1933 bis 1945
Autorin/Autor:
Genre:
Buchbesprechung verfasst von: Andreas
Online bestellen:
Der Historiker Götz Aly geht in dieser grundlegenden Analyse der Frage nach, wie es möglich war, dass die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland nicht nur errichtet wurde, sondern über Jahre hinweg auf breite Zustimmung in der Bevölkerung stieß.
Dabei richtet er den Blick weniger auf die bekannten Führungsfiguren wie Hitler oder Goebbels, sondern vor allem auf die deutsche Gesellschaft als Ganzes.
Aly widerspricht, das ist eines der wichtigen Ergebnisse dieser Analyse, der Vorstellung, die Mehrheit der Deutschen sei lediglich verführt, betrogen oder unterdrückt worden. Stattdessen zeigt er, dass sehr viele Menschen konkret vom NS-System profitierten oder sich zumindest Vorteile davon versprachen. Ein zentrales Argument des Buches lautet, dass der Nationalsozialismus auch eine Art „Wohlfahrtsstaat für Deutsche“ war – allerdings finanziert durch systematischen Raub, Enteignung und Ausplünderung anderer, vor allem der jüdischen Bevölkerung und der besetzten Länder.
Detailliert ist beschrieben und erklärt, wie der Staat soziale Leistungen, Steuererleichterungen, Familienförderung und materielle Vergünstigungen einsetzte, um Loyalität zu erzeugen. Soldatenfamilien wurden unterstützt, Kriegsopfer versorgt, Mieten stabil gehalten und viele Steuerlasten bewusst niedrig gehalten, um die Bevölkerung ruhig zu stellen und den Krieg politisch abzusichern. Diese Politik wurde jedoch zu großen Teilen durch die Enteignung jüdischer Bürger, den Raub in den besetzten Gebieten und die Ausbeutung von Zwangsarbeitern finanziert.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bürokratie des NS-Staates. Aly zeigt, auch anhand von ihm zitierter Studien anderer Historiker, wie akribisch, effizient und scheinbar „normal“ die Verwaltung den Massenraub, die Deportationen und letztlich den Mord organisierte. Viele Beamte, Finanzverwalter und Kommunalpolitiker wirkten daran mit – nicht aus fanatischem Antisemitismus, sondern aus Karriereinteresse, Anpassung oder Pflichtgefühl.
Besonders eindrücklich ist Alys Darstellung der sogenannten „Arisierung“, also der systematischen Enteignung jüdischer Geschäfte, Wohnungen und Vermögen. Er zeigt, dass sehr viele ganz normale Deutsche davon direkt profitierten, indem sie billig Wohnungen, Möbel oder Unternehmen erwerben konnten. Dadurch wurden viele Menschen zu stillen Mitwissern und indirekten Komplizen.
Schlussendlich Aly macht deutlich, dass der Holocaust und die nationalsozialistischen Verbrechen nicht nur von einer kleinen Clique von Fanatikern getragen wurden, sondern von einer Gesellschaft, die wegsah, mitmachte oder profitierte. Die zentrale Frage „Wie konnte das geschehen?“ beantwortet er daher mit einem Zusammenspiel aus materiellen Interessen, moralischer Gleichgültigkeit, Anpassung und dem Wunsch nach persönlicher Sicherheit und Vorteil.
Götz Aly ist, könnte man sagen, bewusst provokant. Er nimmt den Deutschen die bequeme Rolle der angeblich ahnungslosen oder ohnmächtigen Opfer einer Diktatur und konfrontiert sie mit der unbequemen These, dass große Teile der Gesellschaft aktiv oder passiv vom NS-System profitierten. Diese Perspektive unterscheidet das Buch von vielen älteren Darstellungen, die stärker auf Terror, Propaganda und Zwang fokussiert sind.
Besonders überzeugend ist Alys detaillierte Auswertung von Steuerakten, Verwaltungsdokumenten und Behördenkorrespondenzen. Dadurch wirkt seine Darstellung sehr konkret und anschaulich. Er zeigt, dass Verbrechen nicht nur in Konzentrationslagern, sondern auch in Finanzämtern, Rathäusern und ganz normalen Amtsstuben vorbereitet und organisiert wurden. Gerade diese Nüchternheit macht das Buch so erschreckend.
Stärken des Buches liegen vor allem in der klaren Argumentation und der konsequenten Perspektive „von unten“, also aus Sicht der Gesellschaft. Aly zwingt den Leser, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie anfällig Menschen für Mitläufertum sind, wenn sie selbst Vorteile daraus ziehen. Damit hat das Buch auch eine deutliche politische und moralische Aktualität über die historische Fragestellung hinaus.
Kritisch könnte man anmerken, dass Aly den Faktor Angst, Repression und ideologische Verblendung teilweise etwas in den Hintergrund treten lässt. Nicht jeder, der profitierte oder schwieg, tat dies aus Überzeugung oder Berechnung – viele handelten sicher auch aus Furcht oder Ohnmacht. Dennoch schmälert dieser Einwand nicht die grundsätzliche Aussage des Buches, sondern ergänzt sie eher.
Insgesamt ist „Wie konnte das geschehen?“ ein äußerst wichtiges, gut verständliches und zugleich verstörendes Buch. Es zeigt, dass Diktaturen nicht nur durch Gewalt funktionieren, sondern auch durch Zustimmung, Bequemlichkeit und Mitmachen. Gerade diese Erkenntnis macht die Lektüre so wertvoll – und so unangenehm.
Was das Buch mitliefert, das ist ein Überblick über den ideologischen Unterbau und die Organisationsstruktur der NSDAP und des Nazi-Staates. In der zusammenfassenden Beschreibung wird deutlich, wie durchgetaktet das Leben in Nazideutschland war und das schon nach unheimlich kurzer Zeit nach der Machübernahme Hitlers
Der Bezug zur Gegenwart
Angesichts der beängstigenden Entwicklungen im 21. Jahrhundert ist die mit dem Buchtitel gestellte Frage aktueller und brisanter denn je. Nur dass heute aus „Wie konnte das geschehen?“ ein „Könnte das wieder geschehen?“ werden kann.
Auch wenn es heute (noch) keinen Staat gibt, der sich mit dem System der Nazis insgesamt vergleichen lässt, so finden sich in Götz Alys Ausführungen viele Beschreibungen von Vorgängen und Aussagen, die ganz offensichtlich Vorbild für gegenwärtige Rechtsaußen-Aktivitäten sind. Ob Viktor Orbáns „Illiberale Demokratie„, Kickls „Volkskanzler„, Putins Gulags, die unter Trump in eine gestapo-ähnliche Organisation umgebaute US-Behörde ICE: Autokraten (bzw. solche, die daran arbeiten einer zu werden) bedienen sich eifrig bei ihren Vorbildern Hitler und Mussolini (der ja wieder das Vorbild für Hitler war).
Stellt man sich die Frage „Wie konnte das geschehen“ nachdem man dieses Buch gelesen hat erneut und ernsthaft, dann bleibt es nicht aus, einzelne Vorgänge in unserer Gegenwart in neuem Licht und deutlicher als zuvor zu sehen. Vergleichbare Propaganda, vergleichbare Strategien und vor allem die Erkenntnis, wie leicht doch allzu viele Leute (mit Absicht oder aus Unwissen) den erstarkten Rechtspopulisten und Demagogen willig folgen.
In Ansätzen erleben wir einiges von dem mit, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu millionenfachem Tod und zur Zerstörung ganzer Städte und Regionen führte. Wir sind insgesamt noch nicht dort, sehen aber ähnliche Vorgänge, die dazu führten.
Die Hoffnungen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu Beginn der 1990er-Jahre sind verschwunden, Krieg und Zerstörung finden wieder vor unserer Haustüre statt.
Ganz offensichtlich ist der Homo sapiens sapiens (eine Bezeichnung, die sich augenscheinlich als irreführend herausgestellt hat) in seiner Gesamtheit nicht lern- und entwicklungsfähig und wohin uns das führen wird, bleibt offen.
Zusammengefasst:
Ein Buch, das geschrieben wurde, um ein Standardwerk über die Nazizeit zu sein.