Buchbesprechung/Rezension:

Karsten Dusse: Achtsam morden im Hier und Jetzt
Achtsam morden-Reihe Band 4


verfasst am 20.09.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Dusse, Karsten, Kriminalromane
LiteraturBlog Bewertung:

Das recht lange Intro des Buches dreht sich thematisch um eines; nein, also eher um zwei Seiten von  einem: Tantra und Sex. Was ist das zweitere und in welcher Beziehung steht es zum ersteren?

Björn Diemel, in der festen Meinung, dass ihm sein Achtsamkeitsberater Joschka Breitner diese Tantra-Sache ans Herz legen wollte, bucht kurz entschlossen ein Wochenend-Seminar dazu und weil er dort nicht als einzelner Single-Mann, sondern nur als vollständiges Paar teilnehmen darf, bittet er seine Ex-Frau Katharina dazu. Die, neugierig, ist nicht abgeneigt und stimmt zu. Dabei stellt sie nur eine Bedingung: Kein männliches Gemächt erblicken zu müssen, denn dann würde sie auf der Stelle abreisen.

Das „Institut“, das eben jenes Seminar veranstaltet, stellt sich als so etwas wie eine Spätfolge des Sektenbooms aus dem vergangenen Jahrhundert heraus, man sieht sich in der Tradition des Bhagwan und Günther, der schleimige Ober-Seminarleiter, rühmt sich, dass er den alten Oberguru noch persönlich gekannt habe.

Das Wochenende endet unbefriedigend, denn Katharina zieht angesichts der privaten Teile von Günther tatsächlich die Reißleine (und Björn kann sie dabei nur allzu gut verstehen). Zuvor aber entdeckt Björn in einem der Fotos, die das Institut schmücken, im Hintergrund zwischen dem Guru und Günther, kaum zu sehen, einen sehr guten Bekannten: Joschka Breitner.

Die Fragen, die Björn seinem Berater stellen möchte, türmen sich schon recht hoch, da kommt der kurzfristige Ersatztermin bei Breitner gerade recht. Der jedoch fällt dann dem Umstand zum Opfer, dass jemand in die Praxis eingedrungen war. Björn hört gerade noch die zerbrechende Fensterscheibe, als der Unbekannte flieht, findet dafür den arg zugerichteten Breitner gefesselt vor. Wieder nichts mit der Stunde, dafür noch mehr Unklarheiten. Wenn man seit Jahren gewöhnt ist, sich bei derartigen Unklarheiten mit jemandem auszutauschen, dieser jemand aber gerade ins Spital transportiert wird, dann bedeutet das seelischen Ungemach. Dem zum Trotz fühlt Björn sich verpflichtet, seinem Berater helfend zur Seite zu stehen. Hoffentlich geht das gut …

Jetzt ist das Intro tatsächlich beendet und endlich geht es los. Björn Diemel (welche Rolle er spielt, wird für Neu-LeserInnen im Intro auch erklärt) fühlt sich verpflichtet, dem geschundenen Breitner zu helfen und holt erst einmal seinen Sicherheitsdienst, um die Praxis zu bewachen.

Vorrang hat zunächst aber der erste Schultag von Katharinas und Björns Tochter Emily.

Ein Unterschied zu den ersten drei Büchern der Serie fällt bald auf: Karsten Dusse lässt seinen Hauptdarsteller oft und gerne über alte Zeiten resonieren, wie es früher war und auch über die seltsamen und durchaus auch unverständlichen Wege, die Menschen und Politik in den 2020er-Jahren beschreiten. Abgesehen von dieser Abweichung ist es aber hilfreich, wenn man diese Vorgänger-Romane gelesen hat, denn dann ist vieles entscheidend verständlicher – und man versteht dann Details, bei denen Neu-LeserInnen höchstens irritiert eine Augenbraue hochziehen.

Aber der Spaß ist diesmal nicht leicht zu finden. Dazu muss man wissen, dass dieser vierte Band rund 100 Seiten umfangreicher ist als der dritte Band, den ich wirklich sehr gut gelungen fand. Diese Mehrseiten sind, gefühlt, entstanden, weil sich Karsten Dusse recht oft mit zu vielen Worten einem Ereignis nähert und das ist recht störend, wenn man eine flotte Story erwartet.

Sehr eigenartig und sehr ermüdend fand ich die seitenlangen Beschreibungen der Eigenarten und Vorstellungen und der Chronik der Bhagwan-Sekte. Die nehmen den größeren Teil der zweiten Hälfte des Buches ein. Wobei ich nicht beurteilen kann, ob das alles in deren Welt wirklich so stattfand, denn diese Chakras und Ashrams und sonstiger Esoterik-Kram interessieren mich tatsächlich überhaupt nicht (oder anders gesagt: würde ich etwas über die Sekte wissen wollen, würde es reichen, den entsprechenden Wikipedia-Eintrag zu lesen).

Es stellt sich zudem heraus, dass nur ein kleiner Teil davon überhaupt wichtig für die Story ist. In diesem kleinen Teil aber sollte doch der Grund für verzwickte Lage zu finden sein, in der sich Joschka Breitner befindet. Denn diese ausgesprochen langatmigen Sekten-Geschichten sind nichts anderes als Auszüge aus Joschkas Tagebuch.

Aber weiter in der Geschichte: zunächst heißt Breitner nicht Breitner, sondern anders. Dann hat Björns Achtsamkeitsberater diese Vergangenheit mit Sekten-Connections und der Grund, warum er seinen alten Familiennamen ablegte, weist auf eine dunkle Familiengeschichte hin. Auf welchen Menschen hat Björn in den letzten Jahren da überhaupt gehört, wem hat er vertraut? Das muss geklärt werden!

Die besondere Charakteristik der „Achtsam Morden-Reihe“ war bisher die Mischung aus klugen Gedanken und bisweilen umwerfender Situationskomik. Das aber geht hier weitgehend verloren bzw. zwischen den zu vielen Nebensächlichkeiten unter.

Dieser Roman ist auf einer sehr raffiniert konstruierten Idee aufgebaut, die mehrfach Überraschendes liefert. Gäbe es nicht das ganze, Seiten füllende Sekten-Beiwerk, wäre es ein richtig spannender Thriller. So muss ich aber leider feststellen, dass Buch 4 wenig Anreiz bietet, um die Reihe, so sie fortgesetzt wird, weiterzulesen.




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