Buchbesprechung/Rezension:

Avi Loeb: Ausserirdisch
Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten


verfasst am 07.06.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Loeb, Avi, Naturwissenschaft
LiteraturBlog Bewertung:

Als ich damals das erste Bild des interstellaren Objekts ‚Oumuamua sah, musste ich gleich an den Star Trek-Film „Zurück in die Gegenwart“ aus dem Jahr 1986 denken: Ein ganz ähnliches Objekt ist dabei auf der Suche nach den letzten Walen auf der Erde und droht, falls keine mehr zu finden sind, die Menschheit auszulöschen (soweit die Kurzfassung).

Dieses zigarrenförmige Objekt, das im Jahr 2017 entdeckt wurde, als es schon wieder dabei war, unser Sonnensystem zu verlassen, war für die Wissenschaft etwas völlig neuartiges. Nie zuvor war ein interstellares Objekt beobachtet worden, nie zuvor ein Objekt, das sich so fundamental von allem unterschied, was man bislang im Weltraum beobachtet hatte.

Das Produkt einer außerirdischen Zivilisation?

‚Oumuamua ist in vielerlei Aspekten etwas völlig Neues. Wie ein Objekt zwischen Wissenschaft und Science Fiction. Was nun, wenn der Inhaber des Lehrstuhles für Astronomie in Harvard, Avi Loeb nämlich, neben die unzähligen Theorien über die Herkunft dieses Objektes nun auch noch eine hinzustellen, die davon ausgeht, dass es von intelligenten Wesen konstruiert wurde? Es ist also nicht irgendein Spinner, der im stillen Kämmerlein von Aliens träumt, sondern einer der weltweit führende Wissenschafter im Bereich Astrophysik.

Warum soll man nicht auch in diese Richtung denken?

Es gibt von ‚Oumuamua keine direkte Aufnahme, was wir sehen, sind Reflexe, Koordinaten und daraus entstandene Visualisierungen. Eine davon ist die Zigarre, aber mit den vorhanden Daten ließen sich noch eine Unmenge an anderen Formen denken.

Schade, dass dieses Objekt nicht mit uns gesprochen hat; oder vielleicht hat es ja und wir haben es nicht verstanden. Mit der kontinuierlichen Verbesserung unserer technischen Möglichkeiten werden wir wahrscheinlich noch viel mehr solcher Objekte entdecken. Auch der Boom an Planeten-Entdeckungen entstand der in den letzten Jahren. Die Wahrscheinlichkeit sagt, dass wir irgendwann die Spuren von außerirdischer Intelligenz entdecken

Auf jeden Fall ein spannendes Thema, denn wo man (noch) kein umfassendes Wissen besitzt, lassen sich ganz wunderbar Theorien aufstellen, überprüfen, beweisen oder verwerfen. Avi Loeb jedenfalls beschreibt in seinem Buch mit großer Leidenschaft seine Theorie von interstellarer, außerirdischer Technik.

Das Objekt ist dabei auch der Ausgangspunkt für eine sehr umfassende Zusammenfassung des aktuellen Wissensstandes der Forschung und wie sich daraus die Wahrscheinlichkeiten der Existenz von intelligentem Leben im Universum ergeben.

Astronomie und Astrologie sind sicher jene Felder der Wissenschaft, die den weitesten zeitlichen und räumlichen Horizont umfassen. Avi Loeb berichtet jedoch von einer für Außenstehende wohl eher unerwarteten konservativen Einstellungen vieler seiner Wissenschaftler-Kolleginnen, die sich lieber auf bewährte Theorien stützen, als das Spektrum der denkbaren Erkenntnisse zu erweitern. Das mag auch geschehen, weil viel die Angst haben, ihre Reputation aufs Spiel zu setzen, wenn sie sich mit neuen Theorien allzu weit aus dem Fenster lehnen.

Loebs Theorie vom außerirdischen Objekt ‚Oumuamua ist somit auch ein mutiger Ansatz, insgesamt aber nur eines von sehr vielen Erklärungsmodellen (obwohl ich persönlich es grandios finden würde). Der Original-Untertitel „The First Sign of Intelligent Life Beyond Earth“ geht sogar über die Theorie hinaus und erklärt das Objekt bereits gesichert als Produkt einer außerirdischen Zivilisation. Das konnte ich in der Übersetzung allerdings nicht bestätigt finden.

Erwartet hatte ich mir ein spannendes Wissenschaftsbuch über das Bekannte und das Denkbare in einem Universum, dessen Eigenheiten wir trotz aller Erkenntnisse erst zu einem winzigen Bruchteil kennen. Avi Loeb ist aber leider kein sehr begabter Schriftsteller, was das Buch dann immer wieder zu langatmig und zu weit ausholend macht.

Insgesamt handelt es sich wohl mehr um eine Streitschrift als um ein Buch: wider das eingeengte Denken in der Wissenschaft. Das beinhaltet dann eine Unmenge an Beschreibungen von Anomalien, Hypothesen, Widersprüchen, alles immer wieder durchmischt mit autobiografischen Sequenzen; es ist leider oft mehr verwirrend als erklärend. Titel und Untertitel und Klappentext des Buches versprechen etwas anderes. Am Ende tritt das eigentliche Thema des Buches zugunsten von allerlei Ausschweifungen in den Hintergrund.

Unser Wissen und unsere technischen Möglichkeiten werden täglich größer –  ich warte mit großer Neugier auf das, was wir alles noch erfahren werden (und werde dann, so hoffe ich, ein Buch finden, mit dem ich mein Wissen dazu erweitern kann. Von Avi Loeb wird es, nach den Erfahrungen mit diesem Buch, wohl eher nicht sein.).




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