Buchbesprechung/Rezension:

Dan Diner : Ein anderer Krieg
Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942


verfasst am 30.03.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Diner, Dan, Geschichte
LiteraturBlog Bewertung:

Der Nahe Osten war und ist einer der Brennpunkte des Weltgeschehens. Auch wenn man einige Jahrtausende in die Vergangenheit gehen muss, um alle Ursachen dafür zu finden, so ist das, was heute für die aktuellen Spannungen sorgt, zu einem großen Teil in Vorgängen begründet, die sich im vergangenen Jahrhundert zutrugen.

Im Zentrum stand und steht der jüdische Staat: anfangs als Vision einige weniger, später, nach der Gründung Israels, als DAS Feindbild der arabischen Welt.

Der Historiker Dan Diner geht in seinem Buch den Ursachen auf den Grund, erklärt die Einflüsse und verfolgt Schritt für Schritt die Ereignisse in Palästina und jene weltpolitischen Vorgänge, die beginnend mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, später den Staat Israel entstehen ließen. Diner bezieht dabei die globalen Gegebenheiten und Entwicklungen mit ein und erklärt, welche gegensätzlichen Interessen dabei aufeinandertrafen.

Neben den zunächst erfolgreichen Kriegszügen Nazideutschlands in Nordafrika und am Balkan, Mussolinis Großmachtfantasien mit Angriffen in Albanien, Libyen und Äthiopien und der erst schrittweise auch außerhalb Deutschlands bekannt werdende Ermordung der jüdischen Bevölkerung, kann man einige weitere bedeutende Faktoren definieren, die direkten Einfluss hatten (Im Gegensatz zum Untertitel reicht dabei der beobachtete Zeitraum im Buch weit über die Jahre 1935-1942 hinaus).

Das Britische Empire:
Palästina war eine Nahtstelle und sichere Landbrücke zwischen den britischen Inseln und den britischen Besitzungen, Einflusszonen und Völkerbund-Mandatsgebieten von der Levante über das Zweistromland und Indien bis Australien. Der riesige Einflussbereich des Empire brachte es mit sich, dass es zeitgleich an vielen Orten, verstreut über den ganzen Globus, zu Konflikten kam. Die Verteidigung des Empire nach innen – gegen die Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien – und nach außen – vorrangig gegen die Aggressionen Deutschlands, Italiens und Japans – überforderte insgesamt die britische Armee und die Verwaltungen. Das Mandat in Palästina war somit nur einer von mehreren Hotspots des Empire, aber einer, der im Zuge der Aggression der faschistischen Staaten – gleich aus mehreren Gründen – immer bedeutender wurde. Zudem mussten die Briten die Interessen der muslimischen Bevölkerung vom Mittelmeerraum bis nach Indien berücksichtigen.

Der Antisemitismus:
Wenn auch der Antisemitismus in Nazideutschland die abscheulichsten aller Auswüchse zeigte, so waren Juden doch auch in vielen anderen Staaten dem Druck ausgesetzt, das Land zu verlassen und oder es wurden ihnen Grundrechte verweigert oder sie wurden Opfer von Pogromen. Dem gegenüber waren die klassischen Einwanderungsländer, allen voran die USA, nach der Rezession der 1920er-Jahre wirtschaftlich und politisch nicht in der Lage, alle jüdischen Flüchtlinge aufnehmen zu können. Die ersten Einwanderungswellen in Palästina umfassten daher in großer Zahl Juden aus den osteuropäischen Ländern, lange, bevor sich das ganze Ausmaß der Judenverfolgung in Nazideutschland zeigte

Palästina war eine dicht besiedelte Region:
Der Kampf der jüdischen Organisationen um einen eigenen Staat hatte immer gänzlich andere Voraussetzungen als beispielsweise der Unabhängigkeitskampf Irlands (oder später Indiens): während in diesen Ländern die ansässige Bevölkerung um ihre Freiheit kämpfte, stellten in Palästina die Juden nur eine Minderheit und erst Einwanderung konnte das Bevölkerungsverhältnis verändern. Einwanderung, die weder im Sinne der britischen Behörden noch im Interesse der arabischen Bevölkerung war.

Der Kampf ums Öl:
Der Zugang zu den Ölvorkommen im Nahen Osten und die durch Palästina verlaufende und in Haifa endende Ölpipeline waren von strategischer, kriegsentscheidender Bedeutung für das Empire.

Ausgehend von diesen und noch vielen weiteren Eckpunkten analysiert Dan Diner Schritt für Schritt die Vorgänge in der östlichen Region des Mittelmeeres am Vorabend und während des Zweiten Weltkrieges. Wobei die Bezeichnung „Weltkrieg“ tatsächlich so überaus zutreffend ist: Dan Diner beschreibt in diesem Buch eine Vielzahl an kriegerischen Auseinandersetzungen auch abseits der Haupt-Kriegsschauplätze in Europa und im Pazifik und führt aus, wie diese „großen“ und „kleinen“ Kriege einander beeinflussten.

Mit dem Aufzeigen der globalen Zusammenhänge der Konflikte in der Mitte des 20. Jahrhunderts wird auch das ganze Konfliktpotential in vielen Regionen der Welt deutlich gemacht. Im Sog des Weltkrieges konnten sich bestehende Konflikte nahezu ungehindert weiter ausbreiten und neue Konflikte entstanden. Damit erklärt Dan Diner weit mehr, als man normalerweise bei uns in Mitteleuropa darüber lernt, er ermöglicht einen klaren und direkten Blick auf das Geschehen und die Folgen.

Alles zusammen arbeitet man sich durch eine beinahe überwältigende Fülle von Daten und Fakten: von politischen Vorgängen über die Beschreibung des Kriegsverlaufes an den unzähligen Schauplätzen rund um das Mittelmeer und im Nahen Osten, von den Strömungen innerhalb der jüdischen Organisationen bis zum Holocaust. Man muss mit Geduld und Konzentration lesen, um bei so vielen Details den Überblick zu behalten. Dafür erhält man dann tiefe Einblicke, umfassender und klarer analysiert als alles, was ich bisher zu diesem Themenkreis gelesen habe.

Erst die globale Perspektive (im Gegensatz zu einer rein europäischen), aus der Dan Diner das Geschehen betrachtet, lässt verstehen, was in den vergangenen nun rund einhundert Jahren im Nahen Osten vor sich ging und warum wir mit den Folgen noch immer zu leben haben.

Das Buch endet mit der Beschreibung der Ereignisse des Jahr 1942, zu der Zeit rund um die Kriegswende in Russland, Europa und im Pazifik. Das Kriegsgeschehen begann sich von Palästina zu entfernen; stattdessen begann das Ringen um die Gründung des Staates Israel.

Es würde nach 1942 noch viele Millionen an Menschenleben kosten, bis die Welt wenigstens zeitweise zur Ruhe kommen sollte. Eine Ruhe, die sich aber für Israel und seine arabische Nachbarstaaten bis heute nicht eingestellt hat.




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