Buchbesprechung/Rezension:

Laurence C. Smith: Weltgeschichte der Flüsse
Wie mächtige Ströme Reiche schufen, Kulturen zerstörten und unsere Zivilisation prägen

verfasst am 11.04.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Geschichte, Smith, Laurence C.
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Wasserlieferanten, Transportwege, Grenzen, Expeditionswege, Konfliktherde: Entlang der Flüsse entstanden und vergingen über Jahrtausende hinweg Städte und Handelszentren – wie diese Entwicklung bis zum heutigen Tag verlief, das ist das Thema dieses Buches.

Aus den Anfängen der menschlichen Zivilisation wissen wir von den Gesellschaften in Ägypten, Mesopotamien, Indien und China. Sie alle entstanden an den Ufern von mächtigen Flussläufen und wären ohne diese Flussläufe wohl auch nie in der uns bekannten Form möglich gewesen. Indus, Nil, Euphrat, Tigris und Jangtse sind auch heute noch symbolhaft und schicksalhaft mit den Ländern verbunden, die sie durchfließen.

Zu Beginn des Buches ist es dieser historische Überblick, der nicht nur die bekannten, sondern auch unbekanntere Staaten der Frühzeit beschreibt.

Je mehr sich die Menschheit entwickelte und je mehr technische Möglichkeiten es gab, desto mehr änderte sich auch der Umfang der Bedeutung von Flüssen für die Anrainerstaaten. Zuerst abhängig von den Überschwemmungen (und ihnen mehr oder weniger machtlos ausgeliefert) kamen im Lauf der Jahrhunderte andere Faktoren hinzu, die Flüsse bedeutsam machen: Grenzverläufe (man erinnert sich an eine der ältesten erwähnte Grenzen, als Caesar den Rubikon überschritt) und Energiegewinnung wurden nicht nur bedeutend, sondern waren und sind auch Auslöser für Konflikte, bis hin zu Kriegen.

Nebenbei waren Flüsse auch die Triebfedern für technische Innovationen wie Brücken, Schaufelräder, Staudämme, Kanalsysteme für die Schifffahrt und zur Bewässerung oder technische Irrwege wie Begradigungen und, als eine der auch heute noch spürbaren Folgen, die Verbauung von Überschwemmungsflächen und das Einzwängen der Wasseradern in enge Betonrinnen. Flüsse werden, auch darüber ist ausführlich zu lesen, noch immer gewissenlos als Mülldeponien missbraucht, mit unabsehbaren Folgen für Menschen und Natur – Flüsse sind eben nicht statisch, sondern verteilen ungeklärte Abwässer und Giftstoffe in ihren Unterläufen.

So gering die tatsächliche Fläche ist, die Flüsse selbst einnehmen, so groß ist doch ihre Wirkung, so weitreichend sind ihre Einzugsgebiete.

Natürliche Grenzen, andauernde Konflikte

Ein umfassendes Kapitel ist den Kriegen gewidmet, in denen Flüsse gerade seit dem 19. Jahrhundert schicksalhafte Bedeutung erlangten. Die beiden Weltkriege, der amerikanische Bürgerkrieg, der Bürgerkrieg in China: die Kämpfe um Isonzo, Maas, Marne, Rhein, Oder, Mississippi, Wolga oder Hwangho bleiben für immer im Gedächtnis als Stätten der Gewalt und des sinnlosen Sterbens.

Waren es früher reine Machtinteressen, so kam im Lauf der Zeit noch hinzu, dass sich Konflikte zwischen Staaten vermehrt um die Verfügbarkeit von Wasser drehen – es entstehen Auseinandersetzungen zwischen Anrainerstaaten an den Oberläufen der Flüsse mit denen an den Unterläufen. Wer hat das Recht, das Wasser eines Flusses umzuleiten, welche Rechte haben diejenigen, denen ein Teil eines Gewässers gehört. Streitparteien sind dabei nicht nur Staaten, sondern sehr oft Privatleute, Kommunen oder Unternehmen. 

Beispiele dafür gibt es genug, darunter USA-Mexiko (Rio Grande), Laos-Vietnam (Mekong), Ägypten-Äthiopien (Nil), bei denen es meistens um den Bau von Staudämmen geht, die den Fluss in seinem Unterlauf entscheidend beeinflussen. Nicht immer führt das gleich zu bewaffneten Konflikten, das Potenzial dafür ist aber immer vorhanden.

Schaden und Nutzen

Staudämme bzw. deren Versagen sind auch die Ursache für eine Vielzahl von Katastrophen, Überschwemmungen überziehen und regelmäßigen Abständen die Länder an den Ufern der Flüsse,

Flüsse, das merken wir in Zeiten des Klimawandelns immer mehr, sind zugleich Lebensadern der Zivilisation wie auch die Ursache für Zerstörung und Tod. Ein eigenes Kapitel befasst sich folgerichtig mit den menschengemachten Katastrophen, wenn Staudämme versagten. Interessant zu lesen, dass ein solcher Dammbruch in den USA im Jahr 1889 auch entscheidend daran beteiligt war, dass es in den USA möglich ist, für zB. einen zu heißen Kaffee einen Schadenersatz in Millionenhöhe zugesprochen zu bekommen.

Alles aus der Fluss-Perspektive

„Weltgeschichte der Flüsse“ fasst die Geschichte der Zivilisationen bis in die Gegenwart unter einem ganz anderen Blickwinkel zusammen, als man es gewöhnlich in Geschichtsbüchern liest. Die zeitliche und räumliche Weite des Buches ist auch beeindruckend im Hinblick auf die Vielzahl der Quellen, die für die Erstellung der Inhalte herangezogen wurden.

Was man liest, das ist gewissermaßen ein erweitertes und weit ausgreifendes Geschichtsbuch, das politische, technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte sehr detailliert und verständlich zu einem Gesamtbild unserer Zivilisation zusammenfasst.

Wie es weiter geht

Weiterhin ansteigende Bevölkerungszahlen haben einen Effekt, der die Flüsse direkt betrifft. Der Bedarf an Wasser und der Hunger nach Energie werden dramatisch ansteigen. Was wir als Konsequenz daraus zu erwarten haben, ist am Beispiel einiger geplanter Projekte, verteilt über den Globus, beschrieben.

Neben den Riesenprojekten gibt es auch die kleinen Projekte, die ohne Schaden für die Umwelt oder oft sogar mit großen Nutzen für die Umwelt realisiert werden können. So gibt es auch schon viele Vorhaben zur Errichtung von Kleinstkraftwerken, zur Errichtung von Pumpspeicherkraftwerken, um die benötigten Wassermengen zur Energieerzeugung zu verringern, zum Abbau von Staudämmen, um Fischen den Weg zu alten Laichgründen wieder zu öffnen und den natürlichen Sedimentabfluss wieder zu ermöglichen.


Die Aufbereitung der Fakten finde ich ungemein spannend und informativ, denn damit werden Ursachen, Wirkungen und Zusammenhänge sichtbar, die man aus anderer, „gewohnter“ Perspektive nicht leicht erkennen würde.

Beeindruckend, wie viel Neues man über Flüsse und deren Bedeutung erfahren kann, obwohl man doch tagtäglich und jahrelang schon darüber liest und hört. Da das Buch trotz der Unmenge an enthaltenden Informationen dennoch unterhaltsam und leicht lesbar bleibt, ist es eine unbedingte Empfehlung für alle, die sich für Geschichte, Politik, Geografie und Umweltschutz interessieren.

PS ein Schwachpunkt in der Geografie Mitteleuropas auf S. 47: Österreich und Ungarn fehlen in der Liste der Donau-Anrainerstaaten.




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